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Wo ich nicht mehr hinkomme (3)

Pjöngjang? Never. IMG_9666

Ob Jean Echenoz jemals in Pjöngjang war, ist schwerst zu bezweifeln. Seine Beschreibungen einer surrealen  Funktionärsgesellschaft im totalitären Überwachungsmodus führen eher vor, was der Spaß des Schreibers als Erfinders ist.  Sein Roman „Unsere Frau in Pjöngjang“ kommt zunächst als ein leicht schrullig schräger Agententhriller daher, in dem nicht alles mit der banalen Kausalität der Wirklichkeit kompatibel ist. Ein dubioser General auf Nikotinentzug plant eigentlich nur so aus Zeitvertreib und zur Abwehr des drohenden Ruhestandes die Destabilisierung Nordkoreas. Dafür braucht er eine Frau, möglichst hübsch und etwas dusselig. Sie soll den Lockvogel für seine Mission abgeben. Sein Vertrauensmann Objat entführt dazu die attraktive Constance, unterzieht sie einer Art mentaler Grundreinigung durch eine längere, aber komfortable Isolationshaft. mit zwei netten Bewachertrotteln.  Constances Lebensgefährte Tausk wird erpresst, aber der früher mal erfolgreiche Popmusiker macht lieber Nadine, die Sekretärin seines Bruders an, der sich als Mafiaanwalt versucht. Der plumpe Versuch, ihn mit einem abgeschnittenen Fingerglied im Päckchen zu verschrecken, versackt. Das  Lösegeld-Projekt wird fallen gelassen. Parallel dazu hat Tausk eine uralte Geschichte mit einem Kompagnon und einem misslungenen Banküberfall am Laufen. Der gelinkte Kumpel von damals, Pognol, ist nämlich wieder frei und bringt gerade Tausks Friseuse bestialisch um, die einen Hund hat, den Pognol dann doch ins Herz schließt, was ihn nicht daran hindert, nein fast dazu prädestiniert, sich wenig später in Nordkorea bei Constances Flucht nützlich zu machen. Kurz vor dem Ziel im Todesstreifen der DMZ  geht Pognol dann in chinesischen Gewehrfeuer selber drauf. Es geht so einiges kreuz und quer und drunter und drüber in diesem Schleudergang aus absurden Verkettungen, slapstickhaften Wendungen, ins Leere laufenden Affären, sinnlosen Plänen und Aktionen von Dumpfbacken, Tölpeln und Knallchargen. Ja, die Narration läuft so aus dem Ruder, dass der Autor selbst  die Verantwortung für das Tohuwabohu weit von sich weist. „Wenn die Dinge sich so (unwahrscheinlich) ereignet haben, kann ich ja nichts dafür“. Wenn man das nicht gerade postmoderne Dekonstruktion nennt, ist das der grandiose Spaß an diesem Roman: Echenoz Erzähler, auch er eine hemmungslos lustige Erfindung des Romanciers, räumt bei „all unserer Allwissenheit“ ein, dass er den Faden verloren hat.  Der Plot ist dem Erzähler entglitten, nicht nur die Figuren und die Handlung, der ganze Text macht sich selbständig. „Urplötzlich scheint das neue Kapitel nicht mehr so recht beginnen zu wollen. Es hakt. Das Kapitel knirscht.“ Egal. Könnte ja sowieso ganz anders gelaufen sein. „An sich hatten wir vor“ – wir sind schon mehrere Erzähler –  „das Gespräch hier detailliert zu transkribieren. Da es immer belebter und interessanter wird, wollten wir sogar die angesprochenen Themen vertiefen – politische, gesellschaftliche, kulturelle und bald auch private. Gerade wollten wir damit beginnen, doch da läutet es an der Tür, eine abesteigende große Terz, der doppelte Gong der Klingel.“ Es passiert dann doch nichts wichtiges. Nadine schläft aus, Tausk geht zum Chinesen was essen, der General fängt wieder mit dem Rauchen an.

Jean Echenoz: Unsere Frau in Pjöngjang. Aus dem Französischen von  Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, Berlin.2017.  285 S., 22 Euro.

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Wo ich nicht mehr hinkomme (2)

 

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Los Angeles. Dieses umwerfende Himmelblau des Pazifiks, das den Briten Geoff Dyer fast noch mehr umhaut wie sein Schlaganfall von 2014, als er gerade mit seiner Frau dorthin gezogen ist, wo man als Engländer mindestens noch ein halbes Leben braucht, bis man nicht mehr in jedem Moment darüber beglückt ist, nein, das erleb ich wohl nicht mehr. Auch zu Walter de Marias „Lightning Fields“ in der Wüste von New Mexico, Robert Smithsons „Spiral Jetty“ im Great Salt Lake von Utah, zum Haus, in dem Adorno in LA wohnte, oder zu Gauguins Grab auf Tahiti werde ich es kaum mehr schaffen. Aber das macht nichts. Denn das Schöne an den  Reisen, von denen der Schriftsteller und nebenbei ebenfalls übende Yogi  (zuletzt „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“) so leichthändig, lapidar und fast etwas zu berufsjugendlich schnodderig erzählt  (die meisten der in White Sands versammelten Storys waren in Zeitschriften abgedruckt und wahrscheinlich auch auf eine Art konsumkompatible Lohnschreiberei),  ist nämlich gerade, dass sie die Erwartungen eigentlich immer konsequent enttäuschen. Dass ihr Plan zur Sehnsuchtserfüllung scheitern muss. „Das Leben auf einsamen Inseln wird durch ein einfaches und einziges Gesetz bestimmt: Es gibt nichts zu tun, außer komplett vor die Hunde zu gehen.“ Die Stände sind öd, die Sehenswürdigkeiten kitschig, das Essen überteuert, die Begegnungen banal. Selbst die Scham drüber, an der Künstlichkeit des touristischen Paradieses mit schuld zu sein, ist eine völlig nutzlose Erkenntnis. Einem dem Hirnschlag von der Schippe gesprungenen Autor muss jeder Tag wie ein Geschenk erscheinen. Klar. Dann vergisst man das langsam wieder. Und  „der Sinn für den sich zwangsläufig einstellenden Überdruss am Leben“ stellt sich wieder ein.

Geoff Dyer: White Sands. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Dumont, Köln 2017. 250 S., 24 Euro.

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Wo ich nicht mehr hinkomme (1)

Lesen statt  Reisen:

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Sturmschaden in Rummelsburg Betriebsbahnhof

Tibet? Vergiss es. Noch unwahrscheinlicher wie für den alten Hausmeister Bastien. Die 3650 Höhenmeter von Lhasa schrecken den Rentner-Yogi zwar nicht, er kann auch Sanskrit, macht Tai Chi und weiß alles über Tibet. Aber der ganze Erleuchtetheit ändert nichts am materialistischen Fakt, dass er sich die Erfüllung seines Lebenstraum nie wird leisten können. Wäre er nicht einer Romanfigur. Nachdem der neue Direktor des Jesuiten-Gymnasiums  ihm nach geschätzten 60 Jahren Stelle und Wohnung kündigt, hat er nicht mal genug, um eine neue anzumieten. Da begegnet er im Treppenhaus der Historikerin Rose, die seit kurzem mit ihrem kleinen Sohn einen Stock unter ihm wohnt. Die Mittvierzigerin hat auch ein Problem und so stehen die beiden nur drei Wochen später zusammen auf dem „Dach der Welt“. So in etwa steht das auch im Klappentext. Die Roadmovie-Kombi aus allein-erziehender Akademikerin und armem Zausel voll buddhistischer Lebensweisheiten erfüllt alle Kriterien für eine Feel-Good-Unterhaltung. Ein Paar werden die beiden ungleichen Reisegefährten nicht, für das kleine Kribbeln kommt ein gut aussehender Dreissigjähriger dazu, der nett aber nicht weiter wichtig ist. Roses Sohn bleibt daheim bei einer Tante und erhält  die Rolle des Schriftstellers, der diese Geschichte im Nachhinein aufschreibt, während die Mutter ihn lobt und mit nachträglichen Bekenntnissen korrigiert. Dieses literarische Konstrukt hätte nicht sein müssen. Die Geschichte erschöpft sich auch nicht im natürlich schicksalhaften Besuch des schichtkuchenartigen Potala-Palasts oder allerlei weiterer atemberaubender Treppenanstiege und Begegnungen mit  pittoresken Bergtibetern. Das „Theater der Erinnerung“ in diesem „Triumph der Helligkeit“ bringt jede Menge Stockdunkles zum Vorschein. Thule, Tempelritter, Tibetische Arier-Brigaden, Nazi-Okkultismus, Gestapo-Folter, Kollaboration, Selbstmord, Okkultismus, Schuld, Verschwörungstheorien, you name it. Alles bestimmt  gründlich recherchiert von dem weitgereisten Philosophen und Historiker Jean-Marie Blas de Roblès. Und im Vergleich zum barocken, 800-Seiten-Roman „Wo Tiger zu Hause sind“ (über u.a. den Jesuiten Athanasius Kirchner) ist der tibetische“Mitternachtsberg“ mit seinen locker geplauderten 170- Seiten ein geradezu übersichtliches Divertissement für den 1954 in Algerien geborenen Schriftsteller. Sein Hobby ist übrigens Tiefsee-Archäologie..

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Jean-Marie Blas de Roblès: Der Mitternachtsberg. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S.Fischer, Frankfurt am Main 2017.175 S.,18 Euro.

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Weltreisende unter D

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D wie Deus, zumindest Halbgötter, zwischen Dasgupta, Davis, Descuela, Deville entdecke ich Marie Dermout (1888-1962). Nach ihren Erinnerungen, die sie als 63 Jährige veröffentlichte, erschien  vier Jahre später, 1955, ihr  Roman „Die zehntausend Dinge“ (dtv, 2016). Er erzählt die Geschichte von Felicia, der Frau im Kleinen Garten an der Innenbucht einer sehr abgelegen kleinen Molukkeninsel. In deren Brandungsrauschen, Farben, Palmen, und Geistergeschichten die Autorin sich bestens auskannte. Sie wurde in  Java auf einer Zuckerplantage geboren, lebte mit ihrem Mann, einem Juristen, „in jeder Stadt und jeder Wildnis auf Java, Celebes und den Molukken“, bis sie 1933 zurück in die Niederlande übersiedelte. Neuübersetzt von Bettina Bach, die von Heilbronn nach Jena zog, und aus der Vergessenheit geholt wurde diese traumverlorene Frauengeschichte aus der Kolonialzeit im Rahmen der Förderungsprogramme zum letzt-jährigen Buchmessen-Schwerpunkt Niederlande. Felicia kommt als junge Mutter, vom Mann verlassen, mit ihrem Sohn zurück in den Garten, der eher eine Art Gewürzplantage ist (Nelken), und in dem drei vergiftete Mädchen herumspuken. Der Sohn fällt im Krieg, die Großmutter und Felicia müssen Geld verdienen, sie arbeiten hart und werden moderne Unternehmerinnen. Felicia erkundet die Insel…

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Deine blauen Augen

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„Dieser verdammte kleine Supermann kann zum Beispiel die Schwärze eines nächtlichen Himmels so verzweifelt schön und traurig beschreiben, dass man denkt, es hätte noch nie ein anderer vor ihm getan“, schrieb Maxim Biller, als das von ihm sozusagen entdeckte Wunderkind 1999 als Siebzehnjähriger seinen Debütroman veröffentlichte. Benjamin Leberts „Crazy“  erzählt die Geschichte eines traurigen  Internatsschülers mit einer Körperbehinderung und seines Kreuzes mit dem Erwachsenwerden. Leberts autobiografischer Instant-Besteller wurde in 33 Sprachen übersetzt, mit Robert Stadlober und Tom Schilling verfilmt und mittlerweile über 1,2 Million mal verkauft. Inzwischen hat der in Freiburg geboren Frühreiche seinen Hauptschulabschluss nachgeholt, ist nach Hamburg gezogen und hat weitere Bücher über sich und seine Generation gutgepamperter Weltschmerzverzweifler verfasst. Nun, als auch schon über  Dreißigjähriger, war es wohl Zeit, den Horizont über den Bauchnabel der eigenen Befindlichkeiten zu erweitern.  Im Jahr 2015 ging Lebert für ein paar Wochen nach Kathmandu und volontierte bei einer österreichischen Hilfsorganisation in einem Heim für Kinder, die von der Straße aufgelesen, aus Sklaverei und Prostitution befreit worden sind.  Bis heute werden schätzungsweise 1,6 Millionen Kinder in Nepal von ihren Eltern aus sicherer Not verkauft. Weil man besonders furchtbaren Geschehnissen angeblich nur mit Fiktion gerecht werden könne, wie Lebert den französischen Schnöselschrifsteller Frederic Beigbeder zitiert, hat er keinen Bericht über seine Erfahrungen dort geschrieben, sondern einen Roman. Damit soll man ja sowieso mehr erreichen, mehr Leser, mehr Empathie usw.. Dazu erfindet Lebert drei Kinder, die in jenem „Recovery Home“ von Kathmandu, wohl dem nachgebildet, in dem er selbst tätig war, eine temporäre Zuflucht gefunden haben. Das ist ein fünfzehnjähriger Junge, der  von einem Motorrad träumt und Geld dafür verdient, indem er dubiose Besorgungen für einen Fiesling macht. Damit will er dann mit der vierzehnjährigen Shakty wegfahren. Das auf dem Abtritt menstruierende Mädchen, mit fettigen Haaren voller Läuse, wie mehrfach gesagt wird, verguckt sich in die himmelblauen Augen des netten, selbst etwas hilflos wirkenden „Brothers“ aus Europa (Freiburg vielleicht?), der nur auf Zeit da ist, wo das „lieb“ sein leicht fällt. Am Ende wird sie noch einmal, als Sexsklavin an den Fiesling, verkauft. Der dritte, dem Lebert seine Ich-Erzähler-Stimme andichtet, ist ein Zehnjähriger, der so zerquält ist, dass er nur Hassfantasien hat und Shivas vernichtendes Höllenfeuer ersehnt. Das kommt dann in Form des Erdbebens, das Kathmandu 2015, kurz nach Leberts Abreise, heimgesucht hat. Als sei das wirkliche Elend der verkauften nepalesischen Kinder noch nicht Drama genug, läuft der Roman in neun Kapiteln, „noch neun, noch acht usw. Tage“, auf die angekündigten Katastrophe zu. Bisschen Liebe, Spannung, Sex, Gewalt, dreckige Klos und Eimer mit kaltem Wasser. Die Story geschmeidig, die Sprache geschliffen, schlafwandlerisch schön oder an ihrer minimalistischen Eleganz fast erstickend, Schnappatmungssätze, die man hochpoetisch oder banal kitschig finden kann, stilvoll  aufgeladene Entschlacktheit oder präpotente Selbstverliebtheit eines Autors, der arg viel will. „Die Welt müsste leer sein. Das denke ich oft. Leer wie eine Wüste. Dann würde die Traurigkeit über die Weite streifen wie ein lebloser Wind und käme nirgendwo herein.“ Kinder sprechen nicht so. Das macht nichts. Aber macht das Sinn? Und ist das nicht doch, (wie Werken der documenta vorgeworfen wird), ästhetische Affirmation der Beschissenheit der Welt , literarischer Elendsporno, oder, wie wir das früher mal nannten: Verkunstung des Sozialen?

Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen. S.Fischer, Frankfurt 2017. 300 S., 20 Euro. 

 

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Spaziergänge

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Am Zaum zum Plänterwald

Gestern wieder lange durch die Stadt gelaufen. Rummelsburg, Treptow, Kreuzberg, Friedrichshain. Brücken über Geleise und Gewässer. Brachen, Bauzäune, menschenleere Wohnanlagen. Hupende Fahrradraser, taube Jogger an Messgeräten, Mütter. An der Uferpromenade Imbissbuden. Keine Checkpoints. Checkpoints? Einen hat Niroz Malek direkt vor seiner Haustür. Wenn der syrischer Schriftsteller ihn in der Dunkelheit passiert, macht er sich mit dem kreisenden Lichtstrahl seiner Taschenlampe bei den Soldaten bemerkbar. Um die Vermummten nicht zu unüberlegten Handlungen zu provozieren, wenn er abends nach Hause kommt, wenn er kurz nach draußen geht, um Kerzen zu kaufen, weil der Strom wieder ausgefallen ist. Ein Million Menschen aus der Region der einstigen Großstadt Aleppo sind vertrieben, verletzt, getötet, ein Drittel der Gebäude der uralten Marktstadt sind zerstört, Ende letzten Jahres gab es kein funktionierendes Krankenhaus mehr. Aber „der Spaziergänger von Aleppo“ geht nicht, er verlässt seine Stadt nicht, nicht seine Wohnung, die ihm in den Tagen und Nächten der Bombardierungen oft genug zum Gefängnis wird. Die Bücher, Schallplatten, Bilder und Erinnerungen sind seine Seele.  Seine Familie, die Kinder und Enkelkinder, Freunde und Verwandte, sind längst geflohen. Sie leben verstreut in der Welt, in Kanada, Amerika, Köln. Niroz Malek, geboren 1946, am Tag, als die französischen Besatzer Syrien in die Unabhängigkeit entlassen, schreibt ihnen und einer „weit Entfernten“, Briefe, die kein Briefträger mehr austragen wird. Der Schriftsteller veröffentlicht seine oft nur halbseitigen Miniaturen aus seinem Alltag in Aleppo auf Facebook. Das schmale Buch versammelt 57 davon in kühl eleganter Übersetzung. Einmal wird ihm ein Brief übergeben, den Hassan, einer der Milizionäre vom Checkpoint in seiner Straße, an seine Geliebte geschrieben hat. Er sollte ihn korrigieren, da ist Hassan jedoch schon erschossen. Die Toten sind überall gegenwärtig, das Meer spült Ertrinkende an, der Fernseher läuft über, die Menschen rennen in den Straßen vor den Detonationen und Gewehrsalven davon, Blut auf Marmor wie Mohnfelder, Kinder stürzen von Schaukelgestellen wie Raben von den Bäumen. Die Namen der Toten stehen an Wänden und Haustüren, steht da nicht sein eigener? Da kehrt der Mann um, die Tagesration an Brot und Gemüse noch auf dem Arm, um vor Sonnenuntergang den Friedhof zu erreichen,  denn „danach wäre der Checkpoint geschlossen. Dann müsste er die ganze Nacht wachbleiben und könnte erst am Morgen in sein Grab zurückkehren, um zu schlafen.“ Das Leben und  der Tod sind hier, in diesen Wochen im Jahr 2016, in einer einer Zeit, in der die Zeit nicht mehr zählt, einander nah wie in einem Traum, manche Toten sind lebendiger als die Lebenden, Der Erinnerungen an die Vergangenheit der Stadt, an die Kindheit, die Liebe sind realer als der Alptraum der Realität. Einmal kommt ein junger Mann schlotternd vor Kälte  ins Café, wohin es auch den Autor so oft wie möglich treibt, um dort mit seinen verbliebenen Freundin über die Situation,  den Schmerz und die Trauer  zu reden. Der junge Mann ist nackt, er friert so im Kühlschrank des Krankenhauses, niemand kommt, seine Leiche zu beerdigen. Manche der Geschichten sind surreal und rätselhaft wie die krakeligen Kalligrafien auf dem Tor der Zitadelle von Aleppo, das auf dem Buchcover abgebildet ist. So abweisend und so einladend wie der Schnee und die panische Angst. Ein für alle anderen unsichtbarer, kleiner nackter Junge führt den Erzähler in den Park und verschwindet im Stamm einer blutenden Zypresse. Der Park ist verschlossen, die Bäume, in deren Stämme die Verliebten ihre Namen hineingeritzt haben, sind zu Brennholz zerstückelt, dessen Rauch niemanden wärmen wird. In der Imagination aber, in dieser kristallklaren Sprache, in diesem Stift, den der Autor zerbricht, springt Licht aus der Dunkelheit. Er geht auf den Balkon, holt Luft, schaut in den zu blauen Himmel, „dann schrieb ich mit einem neuen Stift weiter.“ Über die Menschen, die Nacht und den Krieg. So geht, einmal mehr, das Wunder der Literatur.

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle, Bonn 2017, 137 S., 17 Euro.

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Nachsaison

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Er hätte es schaffen können. Jetzt liegt er im Koma. Jemand hat versucht, ihm den Schädel einzuschlagen. Antoine ist ein begabter Fußballer. War er mal. Er ist vor allem ein Loser. Wegen seiner Dauerkifferei hat er seinen Arbeitsplatz bei der Autowerkstatt verloren, beim Fußballverein ist er wegen eines Fouls gesperrt, dabei steht das wichtigste Auswärtsspiel an, und seine Freundin Marion, die im Hotel die Zimmer sauber macht, mit dem gemeinsamen Kind hat ihn auch rausgeworfen.  jetzt lebt sie mit Marco, der ist zuverlässig und verkauft Nissans. Antoine kommt nicht darüber weg, über nichts. Er hängt an Marion und an seinem kleine Jungen. Ins Marineland, Delphine gucken, wollte er mit ihm, darauf ist der Knirps immer ganz wild. „Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gern hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorstellen zu können. Die Summer aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen Null tendiert.“  Aber nein, so würde er wohl nicht reden. Der ihm diese Gedanken zudichtet, ist Olivier Adam, 1974 geboren und aufgewachsen in der Pariser Banlieue. Der französische Schriftsteller ist einer,  der  „An den Rändern der Welt“ (Roman 2015) sein Zuhause findet, dort wo „Nicht ist, was uns schützt“ (Roman 2009). Für diesen neuen Roman hat es ihn an einen verschlafenen Badeort an der Cote d’Azur verschlagen. Es ist Nachsaison, die Hotels,  Strandcafés und Restaurants sind fast alle verrammelt und verschlossen. Ein altesEhepaar Tappert händchenhalten die Strandpromenade entlang. Noch einmal das Ersehnte. Paul und Helene. Ein letztes Mal eintauchen in die glücklichen Sommer. Wenigstens bis zur Bank. Er erträgt das Leben nicht mehr, selbst die Freude erschöpft ihn. Das Herz, das Sehen, die Knie, die Hüfte. Wird immer schwächer, ja. Sie setzen sich auf die Bank. Ihr ist kalt, ihm auch. Der Wind bläst, wie er es hier noch nie erlebt hat. Ein heftiger Herbststurm kommt auf. Wohin gehen sie? In welche Nacht tauchen sie ein? Welche Sintflut wird sie auslöschen? Welcher Wind treibt sie in welches Nichts? Das Meer wird zum riesigen Tier, der Campingplatz verwüstet, die Strandgaststätte überschwemmt. Menschen ertrinken. Leichen werden angeschwemmt. Einer kommt um, als er seinen Hund aus dem Meer fischt. Und eine junge Frau, die nicht spricht, taucht am Strand auf. Wovon aber erzählt sie dem bewusstlos im Bett liegenden Antoine? Ihre Eltern, die doch alles richtig gemacht haben, reisen an, da ist sie schon wieder weggetaucht. Ein Elektrolager wird dilettantisch ausgeraubt, zwei  Männer verschwinden. Ein Hund spielt verrückt. Eine Knarre liegt am Strand. Der alte Mann stürzt sich in eine Schlucht. Jahrelang passiert nichts, dann an diesem einen Wochenende alles. Der Ermittler ist ratlos. Und einsam. Er hört Bruce Springsteen, schenkt sich einen Whisky ein und schaut aus dem Fenster.  In eine Sprache von ungeheurer poetischer Dichte lässt Olivier Adam seinen Reigen der Verlorenen durch den verkaterten Geisterort im Winterschlaf  taumeln. Atemlos, in einem poetischen Rausch der Sprache, verdichten sich die Figuren zu Akteuren eines fragilen Lebens, in das sie ohne Sinn hineingeworfen wurden. Wilde Kinder am Ende der Zivilisation, der Boden ist Treibsand, er zieht sich unter ihren Füssen weg. Alle sind fehlbar, alle Geschiedene und Gescheiterte. Und kämpfen doch wie Ertrinkende um Liebe. Im eigenen Leben Verirrte, die doch ihre ungestümen Sehnsüchte nicht preis geben. Und dann ist da das Fußballteam, auf das sich die  Hoffnungen aller Dorfbewohner richten. Die Fußballer sind der Nukleus des Ortes, das Herz, das schlägt, wenn der Einzelne zu zerbrechen droht: „Der Torwart Busfahrer, eine Abwehr aus Arbeitslosen, Lageristen, Landarbeiter und Angestellten bei Avis. Ein Mittelfeld aus Maurern, Mechanikern, Wachmännern, Anstreichern. Ein Angriff aus Sozialhilfeempfängern mit Ausnahme des Rechtsaußen, der Gepäckträger am Flughafen ist.“ Der Trainer, Eric, schläft mit der Schwester von Antoine, obwohl er glücklich verheiratet ist und zwei Kinder hat. Wegen denen er die Affäre dann beendet.. Sie sind jetzt Jugendliche. „Sie schaffen es ganz allein, sich wehzutun.“ Die Pizzeria schließt, die Tennisplätze liegen im Dunkeln. „Nichts bewegt sich mehr. Selbst das Meer liegt ganz ruhig da. Als wollte es ihn nachdenken lassen.“ Adams Reigen der Verlorenen, die ihrenHunger nach Glück jedem Sturm entgegen stellen, ist von solch betörend mitreissender Atmosphäre, dass ich mich am liebsten  den ganzen Winter über in diesem Ort der traurigen Geister einmieten möchte.

Olivier Adam: Die Summer aller Möglichkeiten. Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Klett-Cotta, Stuttgart 2017. 445 S., 25 Euro.

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Luftanhalten

 

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Einatmen, ausatmen. Den Rhythmus der Welt einsaugen und wieder hinausfließen lassen. Bis das Selbst dahinschwindet. Ein Pakt zwischen Brust und Atmosphäre, unabhängig von Wahl und Bewusstsein. Dinesh versteckt sich am Rande eines riesigen Lagers aus Evakuierten. Er schläft hinter Farnen in einer Lichtung des Dschungels. Abertausende Geflüchteten sind hier gestrandet. Bald geht es nicht mehr weiter, im Osten ist das Meer. Dorthin, an den Strand wagt sich Dinesh, um zu scheissen. Es ist ein Ritual. Er gräbt ein Loch in den Sand, um der Erde seine Gabe zu vermachen. Er muss drücken, denn er hat seit Tagen fast nichts gegessen. Es beginnt zu regnen. Ein Bad kann er nicht nehmen, es ist zu gefährlich, die Rebellen, die Kämpfer der Bewegung, könnten ihn entdecken und rekrutieren. Mit seiner Familie, später nur mit der Mutter flüchtete er aus seinem Dorf. Anfangs mit Topfpflanzen, Fernseher, Nähmaschine, Kunststoffmöbeln auf einem Karren. Jetzt hat er nichts mehr, alle sind tot. Manche Dinge sammelt er auf seinem Weg auf, einen Türknauf aus Messing im Schlamm, bis er ihn wieder ablegt. Die Dinge haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Zwei Taschen trugen sie am Ende noch. Dinesh lässt sie neben der Leiche seiner Mutter stehen, an ihr  Gesicht kann er sich nicht mehr erinnern. Tagsüber macht er sich im Lager nützlich, oder er läuft ziellos herum Er birgt Verletzte nach den Bombardements, die jede Nacht, im Morgengrauen über ihnen hereinbrechen. Er trägt ein Kind mit zerfetztem Arm und bereits amputiertem Bei zum provisorischen Hospital, wo ein Arzt ohne Medikamente stoisch den Strumpf absägt. Ein alter Mann bietet Dinesh seine Tochter Ganga als Ehefrau an. In der Hoffnung, dass die Krieger eine verheiratet Frau nicht vergewaltigten würden, und dass sie dann durch ihn versorgt sei. Der Priester ist tot,  die Heirat wird durch das Wort des Vaters vollzogen. Ganga kocht Reis und Linsen-Dal. Dinesh isst, er spürt jedem Korn in seinem Mund einzeln nach, er speichelt  den Brei ein, zerteilt ihn mit der Zunge. Er ist sich bewusst, dass er sterben wird. Jeder Moment ist kostbar. Sie gehen zu seinem Lager im Dschungel. „Es war, als hätte sein Körper in den vielen Stunden dort eine warme, nicht spürbare Substanz an den Boden und den Stein abgegeben, die diesen Platz mit einem Wissen um ihn angereichert hätte, so dass er gewissermaßen ein Teil von ihm geworden war, fast ein Zuhause.“ Ganga breitet einen Sari auf der Erde aus, sie legen sich nebeneinander. Sie schläft ein, er sieht, wie ihr Atem ihre Brust hebt und senkt. „Luft strömte in ihren Körper hinein- und wieder heraus, wie Wellen, die leise vor- und wieder zurückrollen.“ In ihrer Tasche findet er eine Seife. Wie schmutzig er ist. Er geht durch das nächtliche Lager zum Brunnen und wäscht sich, er pult sich die Krusten aus Dreck, die Schichten aus Schweiß und Staub vom Körper, er schneidet sich die verfilzten Haare. Ganga ist aufgewacht, sie berühren, umarmen, sie halten sich. Das Gedächtnis der Muskeln, der Nerven führt ihre Bewegungen. Sein Penis aber verweigert sich, die einzige lebensbejahende Ausscheidung, sie gelingt nicht. Stattdessen weint er bis er ganz  leer ist. Und  schläft zum ersten Mal wieder tief ein. Was dann geschieht, wissen wir. „Die Geschichte einer kurzen Ehe“ spielt an einem Tag und dieser einen Nacht. „Mit jeder Granate klärte sich seine Verwirrung etwas auf, als würde ihm mit jedem Knall einige Trümmer aus dem Kopf gesprengt.“ Der Autor Anuk Arudpragasam ist noch keine Dreißig, als er diesen schmalen und bei aller Brutalität so unendlich zarten Roman, sein Debüt schreibt. Er kommt  aus Colombo, der Hauptsatz Sri Lankas, studiert im Moment in New York. Er nennt nicht die Tamil Tigers, nicht die Zeit – um 2009 – als die Rebellen ihre letzten Gefechte führten und Hunderttausende tamilischer Zivilisten den Bombardements der Regierung wehrlos ausgeliefert waren und in Lagern im Nordosten der Insel zusammengepfercht dem Tod entgegen vegetierten. Diese aufs Rudimentärste der körperlichen Regungen minimalisierte Geschichte bleibt im Universellen von Raum und Zeit. Dinesh und Ganga sind auf das Elementarste des Lebens reduziert, das Letzte, was bleibt ist der Körper und seine Funktionen. Gingen sie einmal, in einer Vergangenheit, zur Schule, waren sie gut in Mathe oder Biologie? Selbst die Sprache ist Körper. Sie materialisiert sich als Klangstrom, bewegte Luft. „Gedanken verließen in Form von Lauten seinen Mund und flossen durch ihre Ohren in ihren Kopf hinein.“ Sterben, hat der verstummte Dinesh anfangs gedacht, ist die Abwesenheit jeglicher menschlicher Verbindung. Die Brust wird ihm eng. Einatmen, ausatmen.

Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser, Berlin 2017. 222 S., 22 Euro.

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Das Territorium der Ungewissheit

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Böschung  am Bahnsteig Berlin Treptow

Und wo die Wissenschaft nicht hinreicht, muss man träumen. Für Gilles Clément ist der Garten das Reich der Träume, das Territorium der Ungewissheit und der Veränderungen. In seinem  „Garten in Bewegung“ ist der Gärtner mehr denn alles andere ein Zuschauer. Es genügt, sich zu bücken und das  „Observatorium der Zeit“ offenbart seine Wunder und Schönheit. Dabei ist die Kategorie einer ökonomischen Zeit, die verloren oder gewonnen werden kann, im Garten nichtig. Der ideale  Gärtner ist für den französischen Philosophen und Landschaftsarchitekten ein Amateur, das kommt vom Lateinischen Wort amare und bedeutet, er ist ein Liebhaber. Im besten Falle hat er immer eine Lupe in der Tasche um die Erscheinungsformen der Pflanzen zu betrachten. Er studiert, wie der unreglementierte Garten wächst, sie die Natur wuchert, er entschlüsselt die Bedingungen und die Vergangenheit des Bodens, des Standorts, des Klimas, er greift stets nur behutsam ein, um die vorhandenen Energieströme sanft zu leiten und Grenzen zu definieren. Denn der Garten ist auch das eingefriedetes Paradies, schon sein deutscher Begriff enthält das Wort „Gerte“, aus der dem man einst die Zäune flocht. Der Hortus conclusus, die Schutzzone, ist für Clément auch ein Reich der Tiere. Obgleich sie wie die Vögel keine Zäune und Grenzen kennen, gehören sie wie die Nattern der Alhambra und die Maulwürfe von Babylon  in den Garten der immer währenden Transgression dazu, bei Clément selbst haben die Nutria, die im Dachstuhl lärmende Steinmarderfrau und der die Beete leerknabbernde Rehbock Eigennamen. Doch wie macht man sie wieder zutraulich, die man so lange verjagt hat? In seiner Antrittsvorlesung für eine Gastprofessur am College de France sagte Gilles Clément, der sich selbst dabei als Student der Natur bezeichnete, die Landschaft sei das Bild, das wir erinnern, etwas Subjektives, im Gegensatz zur Umwelt, die objektive messbar sei. Im Sinne seiner schon da formulierten These, dass die Welt, unsere Erde, als ein einziger planetarischer Garten zu betrachten sei, ist  Cléments kleines Traktat über „Die Weisheit des Gärtners“ nun eine Einladung an die Müßiggänger, die Nutzlosen, die Geschwindigkeitsgeschädigten, an die Trödler und die Tagträumer. Eine Einladung in eine Zukunft, in der jedes Samenkorn ein Versprechen ist und alle Ökonomisierung des Lebendigen ein Verbrechen.

Gilles Clément: Die Weisheit des Gärtners. Aus dem Französischen von Britta Reimers. Matthes & Seitz, Berlin 2017. 106 S., 16 Euro.

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Wenn’s in der Mimose funkt

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Christiane Seiffert, Ausstellung bis Anfang September im Bikinihaus, wo das Haus am Waldsee während seines Umbaus für ein Jahre haust.

 

Wenn die Kräuter nicht mehr helfen, muss die Wissenschaft ran. Die basiert auf Beobachtung, Analyse und Systematisierung um das Fantastische plausibel zu machen. Weil Pflanzen sich aus eigenem Antrieb nur sehr langsam bewegen, braucht ihre Erforschung Geduld und Ausdauer. Um das Gras wachsen zu sehen – ein Hopfenstengel schafft eine Runde, immer rechtsdrehend übrigens, schon in zwei Stunden – muss der Botaniker die Ruhe weg haben und ein langmütiger Zuschauer sein. Der in Potsdam lehrende Biologe Ewald Weber erklärt zu Beginn  seinen nun neuaufgelegten Büchleins die Artenvielfalt  von der kleinsten Wolffia microscopica  bis zum größten Mammutbaum, vom seltensten Inselkraut bis zur weltweit verbreitetsten Primel, von der einfachsten Flechte bis zum kompliziertesten Symbiotiker. Dann beschreibt er die Absonderlichkeiten pflanzlichen  Wachstums. So geordnet er dabei vorgeht, so emphatisch ist sein Plädoyer für das kindliche Staunen. Schließlich geht es ihm um die botanischen Wunder. Richtig wunderlich wird’s beim Kapitel Vermehrung und dem daraus folgenden Zusammenleben. Neben den erstaunlichen Kunstwerken der Samenverschleuderung per Fallschirm, Propeller, Sprungfeder, Regentropfen oder besonders originellen Flugapparaten mit hygroskopischer Mechanik – sie reagieren auf Feuchtigkeit… –  wird auch das Klonen oder, wie man früher sagte, die ungeschlechtliche Fortpflanzun gebührend mit spektakulären Beispielen gewürdigt. Über 8000 Jahre ist das sich selbst permanent klonende Schilf in der Donaumündung alt. Die Keimung eines bestimmten  Strauchs in der Mojaw-Wüste geht sogar 11 000 Jahre auf das Ende der letzten Eiszeit zurück.
Bei der Sache mit den Bienen ist weniger der Akt der Fremdbestäubung interessant, als das Vorspiel dazu. Die Methoden der Anbahnung, Verlockung, Werbung und die Verfeinerungen der Wettbewerbsvorteile sind höchst einfallsreich. Orchideen haben bekanntlich die meisten Tricks drauf, potentielle Freier mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu täuschen. Zu höherer Kommunikationsstrategie hat es eine tropische Kletterpflanze im kubanischen Regenwald geschafft. Die nach dem deutschen Forschungsreisenden Georg Markgraf (1610-1644 !) benannte Marcgravia evenia wird nur durch eine bestimmte Fledermausart besamt. Das Aufplustern mit Farbe, Form oder verführerischen Parfums würde das fast blinde Nachttier nicht ansprechen: Um dennoch wahrgenommen zu werden, bildet die Pflanze über ihrem Nektarkelch ein Blatt in Form eines Hasenohrs oder eines Pantoffels aus. Wie ein Resonanztrichter oder eine Satellitenschüssel wirft dieses die Echopeilung der Fledermaus zurück. Gegen so ausgefuchste Sonartechnik sieht doch jedes humanoide Lipgloss blass aus.

Ewald Weber: Das kleine Buch der botanischen Wunder. Beck’sche Reihe,München 2012, Neuauflage 2016. 166 S., 12,95 Euro.

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Ticktack

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Hilfe, die Brombeeren werden reif! Damit fängt das Ende des Sommers an.  Fehlen noch die Wespen, die Pflaumen und Äpfel, dann ist es September und der Herbst ist da, ein bisschen Oktober noch und schon ist wieder ein Jahr rum. Höchste Zeit, ein paar Gartenbücher zu lesen. Fangen wir unten, quasi erdverbunden an: So praktisch wie der schmutzabweisend lasierte Umschlag – die zupackende  Gärtnerin hat schließlich gerne mal dreckige Hände –  stellt der Ratgeber „Heilkräuter“ über 70 in Mitteleuropa wachsende Heilpflanzen vor.  Übersichtlich wie ein gutsortiertes Kellerregal voller Einmachgläser, vorbildlich unprätentiös, dabei lebensklug und umfassend gebildet in Bauernregeln, Kräuterweiberei, Volksmedizin  und historischen Naturkunden versammelt die Autorin Elfie Courtenay „überliefertes Wissen für Hausapotheke und Küche“ . Die „Kräuterpädagogin“ führt seit über zwanzig Jahren durchs Freilichtmuseum Glentleiten in Großteil sowie zu Wildkräuter-Expeditionen im bayrischen Murnau am Staffelsee, wo auch der Mankau Verlag beheimatet ist. Motto: Bücher die den Horizont erweitern. Neben solchen Büchern bietet der Verlag auch webinare an zu so tollen Themen wie „Stimmgabeltherapie für Einsteiger“ oder „Heilen mit Zahlen“. Das abwaschbare Heilkräuterbuch in Flexobroschur kommt aber zum Glück ganz ohne solch esoterischen Schnickschnack aus. Jedes Kraut ist übersichtlich mit Fotos, botanischem Grundwissen zu Herkunft und Standorten, chemischen und medizinisch wirksamen Inhaltsstoffen, Anwendungsgebieten und Nebenwirkungen dargestellt. Als Fußnote wird meist eine prima Anekdote aus Geschichte, Mythologie oder der Ethymologie erzählt. So steckt im lateinischen Namen des Eisenkrauts, „Verbena“, das Wort Verbum drin, das für „gilt“ = Ehrenwort, steht, weshalb die Römer wichtige Verträge mit dem Eisenkraut  besiegelten. Römische Diplomaten sollten Eisenkraut am Körper tragen, das lateinische Verbenarius heißt Botschafter.  Aber zurück zur bodenständigen Praxis: Das Buch liefert einfache Rezepturen zu Teemischungen, Badezusätzen, Tinkturen, Umschlägen oder  Ölauszügen und es erklärt, warum welches Kraut wogegen helfen soll. Man erfährt, wie man sich etwa die in vielen Pflanzen vorkommenden Saponide, also Seifenstoffe, zunutze machen kann: Direkt als Waschpulver, indem man ein Dutzend Efeublätter kleinschnibbelt und in die Trommel zur Wäsche gibt, oder zur körpereigenen Reinigung, indem man die ersten Gänseblümchen und Vogelmieren als blutreinigende Frühjahrskur futtert. Die pilz-, viren-, bakterien- und somit entzündungshemmenden  Eigenschaften der Saponide wirken schleimlösend (hust, röchel) oder stimulieren zB die Schweißdrüsen, sodass man die Gifte förmlich ausschwitzt. Und wo wir schon gerade dabei sind: das Gänseblümchen, Bellis perennis – die Immerschöne, gilt übrigens wegen seiner adstringierenden, deshalb schmerz- und juckreizstillenden Wirkung, neben dem Spitzwegerich, als Erste-Hilfe-Pflanze bei Insektenstichen. Und die, also die Schnaken zB.,  gibt es derzeit, jedenfalls bei mir im Schrebergarten, noch in bestem, hochsommerlichem Überfluss.

Elfie Courtenay: Heilkräuter. Überliefertes Wissen für Hausapotheke und Küche. Mankau Verlag, Murnau am Staffelsee, 254 S., 20 Euro.

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Im Rausch der Fußnoten

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Man muss es schon als puren Übermut bezeichnen, in der aussichtslosen Branchenkrise einen neuen Buchverlag zu gründen. Die vier Verleger – darunter der umtriebige Moderator und ehemalige Kölner Literaturhausleiter Thomas Böhm und Peter Graf vom auch schon eher klein-feinen Walde&Graf Verlag – haben schon mit dem nicht gerade aufreißerischen Verlagsnamen „Das kulturelle Gedächtnis“ eine fast trotziges Bekenntnis zum bibliophilen Wertkonservatismus abgegeben. Pragmatisch versteckt sich dahinter auch das Konzept, alte, also nicht mehr copyrightgeschützte Titel neu aufzulegen. Damit ists aber auch schon gut mit dem Kostensparen. Denn das gute Buch ist hier vor allem schön und aufwändig gemacht, Farbschnitt, Satz, Fadenheftung, Illustrationen, Papierqualität, alles „mis en bouteille au chateau“, so steht es da. Am Ende, auf der mit Impressum betitelten Seite des mir geschenkten Buches von Walt Whitman steht eine ganze Liste von Personen, denen für Unterstützung von Verlag und Druck dieses Buches gedankt wird, interessanterweise dankt da auch der Übersetzer den Verlegern. Ganz offenkundig ist dabei, dass alle Beteiligten ihren Spaß daran haben, mal zu zeigen, wie man so ein gutes Buch aus Papier heutzutage macht. Da gibt es nicht nur das editorische Vorwort und das bibliografische Nachwort, ergänzende Zeitungsartikel  Whitmans zur Kontextualisierung seiner Brotarbeit als Journalist, sondern auch recht viele, teils possierliche Fußnoten, die Redewendungen und Sprichwörter erklären oder Details zur Politik und Frisurenmode der „Gangsta-Boys“ jener Zeit erläutern.  Doch weil es mindestens ebenso sehr ums schön gestaltetet Druckobjekt wie um die transportierte Information geht, stehen diese Anmerkungen nicht klein und verdruckst am Fuß der Seiten, sondern in halbfetter Typografie, abgesetzt mit Linien und Balken und horizontalgestellten Ziffern zu eingerückten Randspaltenblöckchen gruppiert, auch die historischen Illustrationen sind auf anthrazitfarbenem Grund mit Foto-Rähmchen und kess asymmetrisch abgeschrägten Ecken versehen, als genügten sie nicht selbst. Mich lenkt solch over-the-top-Design-Geschnörkel vom Text ab, aber vielleicht will es ja gerade den stilvoll verschrobenen und ausladenden Stil des Autors untermalen. Die Geschichte jedenfalls, die Walt Whitman in dieser Novelle erzählt, wurde von März bis September 1852 als Fortsetzungsroman im sonntäglichen Sunday Dispatcher New Yorks publiziert, und zwar, wie das damals üblich war, ohne Verfassernamen. Erst 2016 wurde sie vom  Literaturwissenschafter Zachary Turpins im Archiv wiederentdeckt und daraufhin von der  Walt Whiman Quarterly Review und der University of Iowa Press veröffentlicht (wo sie auch original online zu lesen ist). In „Das abenteuerliche Leben des Jack Engle“ erzählt Walt Withman (1819 – 1892) halb autobiografisch und in sich selbst ironisierendem Stil von einem jungen Rechtsanwaltsgehilfen, der sich dank der Obhut freundlicher Menschen vom Waisenkind und Straßenjungen zu einem cleveren jungen Mann mausert, der sein Erbe, seine Vergangenheit  und seine Frau findet und dabei vor allem das schon damals offenbar wild und multiethnisch brodelnde New York als Kochtopf der Möglichkeiten voller kurioser Charaktere und lotterhafter Abgründe entdeckt. Whitman, der spätere Poet des avantgardistischen amerikanischen Mega-Nationalepos der „Grasblätter“, zeigt sich hier als pointierter Beobachter, unromantisch-affirmativer Zeitzeuge und im besten Sinne journalistischer Flaneur der Großstadt.

Walt Whitman: Das abenteuerliche Leben des Jack Engle. Mit Illustrationen, Vor- und Nachwort und Hintergrundinformationen, übersetzt  von Stefan Schöberlein. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2017, 192 S., 22 €.

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Drehbuch kaputt

 

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Emmanuel Carrères „russischer Roman“ als Ode an das Scheitern aller Pläne

Genug, es reicht. Um dem Elend seines Psychosumpfes zu entkommen, nimmt der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère einen Reportage-Auftrag an. Der führt ihn freilich umweglos zurück ins waidwunde Herz seiner Kernkompetenz aus „Wahnsinn, Eiseskälte und Abschottung“ . Aber erst einmal fährt er mit dem Zug nach Kotelnitsch, einem trostlosen Kaff viele Hunderte Kilometer nordöstlich von Moskau, wo ein namenloser ungarischer Kriegsgefangener 53 Jahre lang in der Psychiatrie interniert war, nicht sprach und von niemandem vermisst wurde. Die Recherche nach dem Geheimnis des Verstummten führt zu nichts, eine zum Auftakt des Romans im Zug halluzinierte Sexfantasie ist nur Vorspiel zum langen Abschied von einer schon verkorksten Liebe, und auch die ersehnte Befreiung von einem mit Schweigen belegten Familientrauma des Autors haut nicht hin. Denn die Geschichte des 1944 verschwundenen Großvaters, einem unglücklichen Georgier im Pariser Exil, der als Kollaborateur der faschistischen Besatzer von der Resistance hingerichtet wurde, darf wegen Carrères Mutter, der angesehenen französischen Historikerin und Direktorin der Akademie Francaise, nicht auserzählt werden.
Dieses Buch, das sich „Ein russischer Roman“ nennt, enttäuscht somit in tückischer Konsequenz alle Hoffnungen auf die ihn Aussicht gestellten Geschichten. Nichts wird eingehalten von den dramaturgischen oder narrativen Versprechungen. Und doch hat dieses Buch mich eine neunstündige Zugfahrt lang gefangen gehalten, nur um mich am Ende so desillusioniert, melancholisch und depressiv wie vermutlich der Autor selbst zu fühlen.
Die Spuren des bald nach Kriegsende in seiner Heimat für tot erklärten ungarischen Jungsoldaten verlaufen sich schnell in der Belanglosigkeit einer einer dünnen Krankenakte. Die Kleinstadt ist ein unbeheiztes Postkartenklischee aus postsowjetischer Trostlosigkeit, Gewalt und Wodka, ihre Bewohner sind feindselig und langweilig, selbst der Geheimdienst, für den Carrères russischer Übersetzer und Koordinator zu arbeiten scheint, funktioniert nicht mehr, und die Vorstadt-Mata Hari, die französische Chansons singen kann, bewahrt ihren Zauber nur solange, bis sie ein Kind bekommt. Und doch zieht es den zivilisationsmüden Snob Carrère immer wieder in diese Wüstenei der Verschwundenen, Verlorenen und Gottverlassenen. Hier will er sogar einen Film drehen, für den er kein Drehbuch und keine Idee hat, hier in diesem von Anfang an von Hoffnungslosigkeit, Ödnis und vulgärer Tristesse gezeichneten Unort will er seine „russische Seele“ finden, deren Substanz, so Tschechow, ja aus Alkohol und Weltschmerz besteht.
In der für ihn unumgänglichen Ich-Form, äußerst stilvoll zynisch und misanthropisch elaboriert, erzählt Carrère dabei vor allem von seinem Scheitern, die Welt als etwas anderes zu sehen, denn als Kulisse für seinen melancholisch dekadenten Lebensüberdruss. Wo kommt er her? Klassischer Fall von weiß, männlich, über Fünfzig, gebildet, privilegiert. Von seinem zwangsläufig erfolglosen Versuch, die Welt – ausgerechnet in Kotelnitsch – als sie selbst zu sehen, also vom permanenten Prozess der Enttäuschung, handelt sein Bericht. Hauptsächlich. Denn dazwischen schreibt der Autor seine erste heitere, ja geradezu lustige, da pornografische Erzählung. Sie handelt davon, wie ein Schriftsteller ein Geschichte schreibt, in der er seine Freundin zum öffentlichen Masturbieren auf einem Zugfahrt anleitet. Natürlich nimmt auch dieser so hübsch zusammengedrechselte Plan ein böses Ende. Das mit rotglühenden Ohren geschriebene Drehbuch des Autors wird wieder mal vom Leben ausgetrickst. Die schöne, zu junge und standesgemäß eigentlich auch unpassende Frau, die der Autor so obsessiv wie possessiv begehrt, betrügt ihn und kriegt lieber von einem langweiligen Muckitypen ein Kind. So schließen sich Kreise, die auf keinem Fahrplan und in keinem Drehbuch standen.
Carrère aber, der selbsternannte Experte in Sachen Verzweiflung, lernt weiter erfolglos Russisch und hofft, dass er Gott damit die Möglichkeit gibt, ihn zu erretten. „Die Worte, über die ich verfüge, dienen nur dazu, von Unglück zu sprechen.“ Schreibt der Schriftsteller, und bezeichnet es als einen Sieg, über das Grauen zu schreiben. Das ist subtile Unterhaltung vom Feinsten. Zumindest wenn sich gerne von einem depressiven Knitter-Egomanen auf eine literarische Irrfahrt in sein zerquältes Ich mitreißen lässt.

Emmanuel Carrère: Ein Russischer Roman. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2017. 281 S., 22 Euro.

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Liu Xiaobo

Liu Xiaobo, der in Peking inhaftierte Friedensnobelpreisträger, ist heute 61-jährig verstorben. Dieses Gedicht schrieb er um 1999, als er in ein Arbeitslager verbannt worden war. Publiziert in seinem hier leider unauffindbaren Buch bei S. Fischer, 2013, kopiert aus dem Nachruf  in der FR.

„Nackte Füße tappen durch den Schnee
wie Eiswürfel fallen in ein Glas Schnaps
sturzbetrunken und irr
hängende Flügel von Krähen
unter dem endlosen Leichentuch der Erde
heulen schwarze lautlose Flammen.
Der Stift in der Hand, der auf einmal bricht
ein scharfer Wind durchbohrt den
Himmel“.

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Blindlings

Spätestens jetzt würde ich mich ans Lagerfeuer machen. Und sorgenvoll in die Wolken gucken. Seit gestern bis morgen findet auf der „Kalten Buche“ in der Rhön die Provinzlesung statt. Das Poetentreffen auf der Jungviehweide beim Berghaus, in dem für Regenfälle Tische und Bänke, Lampen und Kerzen stehen, findet alle zwei Jahre statt, initiiert und organisiert  allein vom Verleger Peter Engstler, der dort im ehemaligen „Zonenrandgebiet“ lebt und dieses Jahr nebenher sagenhafte 30 Jahre Verlagsgründung begeht. Ich war noch nie dabei und musste auch dieses Jahr leider passen.

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Engstler (sitzend) neben seinem Autor Höge bei einer Ortsbegehung im Mai.

Wie es der Zufall will, (an den wir im Ernst nie glauben), war gestern noch ein Buch in der Post. Es heißt „Manzanita“ und enthält 52 Gedichte oder Prosaminiaturen von Peter Engstler, erschienen bei Bruetrich Press, beides Lieblingsverleger (s.u.) und somit, die geweifte Leserin hat das längst strinrunzelnd bemerkt: ein entschiedenes  Ja zur Vetterleswirtschaft!  Lieber also  – super Ausrede – gleich zitieren aus dem in Zeilen gebrochenen und fortfließenden Wortgeröll. Rausschneiden kann man da nichts. Verstehen tu ich keines, für mich gilt eh, je kryptischer, desto besser. Deshalb zwei der kürzesten:

Wie Strophe sich Äußert In Monotonie Regel / Dialektik Furor Ende gebettet Brunnen Tritt / Kein Vergleich Konsonant in Hecke / Stock Schlag Ein Heute  Ein Schlag / Eine Sprache

Versprach stumme Größe leicht zitternder Halm/hier Faden kein Nebel nur Staub So weit jede Suche/ nach Zeit Wurde gehalten im Bestreben nach Sein/ wo war dieser Ton im Grau

Na hier! Basaltwand, Einladungskarte zur Provinzlesung

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Versuchung

,Nun aber mal raus ausm Archiv. Ab jetzt gibt es hier keine Rezensionen in Schönschrift mehr. Das Gute am bloggen ist ja gerade, dass nichts „wie gedruckt“ sein muss. Dass Fehler sein und korrigiert werden dürfen, dass subjektive Meinungen dahin geschrieben und wieder gelöscht, Urteile unbelegt und von mir aus oberflächlich, fies und ungerecht gefällt und ebenso leichtherzig umgestoßen werden dürfen. Kein Bemühen um analytisches Geschwafel mehr, Schluss mit der ganzen feuilletonischen Disinktionsgewinnlerei. „Sudelheft“-Tradition eben.

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Gestern kam zB. mit der Post ein Leseexemplar von Lydia Davis neuem Buch. Es hat Sperrfrist bis  11. August, weshalb eine echte Rezension jetzt eh noch nicht erlaubt wäre. Zudem erscheint es im Grazer Literaturverlag Droschl, der schon allein deshalb, weil Freundin Iris Hanika dort ihre tollen Romane veröffentlicht, ein weiterer Lieblingsverlag ist, gegen den hier kein kritisches Wort fallen wird. Puh, und das alles als Vorrede dafür, dass ich hier endlich mal der Versuchung nachgeben darf, eine ganze Geschichte zu zitieren. Und sie geht so:

Samuel Johnson ist ungehalten: dass Schottland so wenige Bäume hat.

Das ist die kürzeste der insgesamt 55 Stories, die sich auf 210 Seiten verteilen. „Samuel Johnson ist ungehalten“ lautet auch der Titel des Buches der amerikanischen Großmeisterin der lakonischen Kurzgeschichte, was ja bei der Konkurrenz an grandiosen amerikanischen Storyschreiberinnen was heißen will.

Eine andere, unfassbar irre Story, knapp eine Seite lang, heißt „Mond-Land“. Sie ist eine Übersetzung von „A Mown Lawn“, eigentlich „Gemähte Wiese“, von „Määäh, wie in Mädchen“… Beispiel für die Kunst der Nacherfindung, von der der Übersetzer Klaus Hoffer in seiner Nachbemerkung erzählt. Ja, das ist halt so eines dieser seltenen Bücher, aus dem man alle Sätz einzeln und quasi blindlings abschreiben möchte.

 

 

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Glückliche Tropen

Indonesien war Buchmessen-Gastland und nach Bali im Indischen Ozean, der hinduistisch geprägten Insel im ansonsten islamischen Land, würde ich auch gerne mal hinreisen.. Wie so viele Abenteurer, Aussteiger, Künstler, Schriftsteller, Groupies und ein paar reiche Erbinnen aus dem Westen zuvor..

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Gemälde von Walter Spies, hängt in der Nationalgalerie in Singapur.

„Diese exorbitante Schönheit, die einen ganz krank macht, weil man sie kaum ertragen kann. Und dieses Mystische, das unter der Oberfläche brodelt, dieses Verborgene, das sich im Dämonischen entladen kann.“ Schönheit, Mystik, Dämonen und darüber das Paradies als klebriger Zuckerguss der Reisepoesie. Es sind immer die gleichen Klischees. Bloß dass „sich jede dieser unsäglichen Banalitäten bewahrheitet hat“.
Mit solchen Worten leitet Vicki Baum ihr geheimes Tagebuch ein. Darin erzählt sie, wie es 1935 wirklich auf Bali war, als sie im Haus von Walter Spies ihren Roman „Leben und Sterben auf Bali“ schrieb. Natürlich ist das eine Fiktion, und zwar aus den Händen von Lothar Reichel aus Schweinfurt. Der unterfränkische Krimiautor dichtet der knapp 40-jährigen Vic einen heißen erotischen Dreier an und lässt parallel dazu eine spröde Pauschaltouristin Indiana-Jones-mäßig hinter einem tabuisierten Gemälde von Spies herjagen.
Schon in den 20er-Jahren war Bali eine Sehnsuchtsdestination für europäische Forscher, Künstler, Aussteiger und Abenteurer. Einer der Ersten war Walter Spies, der 1895 in Moskau als Sohn eines deutschen Diplomaten geborene Musiker und Maler. Der blondgelockte Beau war in Dresden mit Kokoschka, Klee und Chagall befreundet, in Berlin war er der Geliebte von Friedrich Murnau. 1923 floh er die Großstadthektik und ging nach Java, wo er Kapellmeister des Sultans von Yogyakarta wurde, 1927 zog er nach Bali. Er sprach Malayisch und Javanesisch und transkribierte die traditionelle Gamela-Musik auf Noten. Die magisch-realistischen Gemälde, die der Hedonist zum gelegentlich notwendigen Broterwerb anfertigte, prägen bis heute unser Bild einer exotischen Dschungelidylle. Da leben nackige, braune Menschen und grazile Tiere in Rousseau’scher Harmonie in verschwenderischer Natur zusammen. Doch naiv war der schwärmerische Spies bei aller Empathie für die Tänze, Musik und die schlanken Jünglinge keineswegs. Mit Baron Viktor von Plessen drehte er den Film „Insel der Dämonen“. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Holland 1940 wurden alle Deutschen in dem unter niederländischer Herrschaft stehenden Bali als „fremde Feinde“ interniert, Spies starb 1942, als die „Van Imhoff“ mit fast 500 deutschen Kriegsgefangenen auf dem Weg von Sumatra nach Ceylon von japanischen Bombern versenkt wurde.
Walter Spies‘ Villa mit spektakulären Ausblicken auf den Vulkan Gunung Agung, dem Ort der Götter, war in den 30ern Treffpunkt illustrer Gäste wie Charlie Chaplin, Cole Porter, der Anthropologen Margaret Mead und Gregory Bateson, der Pilotin Elly Beinhorn, des Komponisten Colin McPhee und seiner damaligen Frau, der Ethnologin Jane Bolu. Der schottisch-kanadische McPhee studierte mit obsessiver Hingabe die metallisch sirrenden Gamelan-Orchester, die Tänze, die Götter und Geister und berichtet von endlosen, zermürbenden Zeremonien und tagelangen Richtfesten beim Bau eines Hauses in einem Dorf nicht weit von Spies‘ Haus. Jahrzehnte später hat die inzwischen luxuriös renovierte Villa nichts von seinem magischen Zauber verloren, was Besuche von Paul Getty, Roman Polanski, Mick Jagger oder David Bowie belegen.
In ihrem Unterhaltungsroman „Liebe und Tod auf Bali“ erzählt die gewiefte Bestsellerautorin Vicki Baum detailfreudig und mit fast ethnologischer Präzision von den Bräuchen, Sitten und Ritualen der Einheimischen im Dorf Badung, dem heutigen Denpasar. Sie folgt begeistert den elaborierten Kulttänzen und den leidenschaftlichen Hahnenkämpfen der Männer, aber sie berichtet auch von der Leibeigenschaft der Reisbauern und ihrer unterwürfigen Hingabe zum Fürsten. Ganz in Weiß gekleidet, der Farbe des Todes, stürzten sich die Untergebenen 1906 im „Puputan“, dem tranceartigen Massenselbstmord, in die Gewehrsalven der Holländer.
Vom herrlich unbeschwerten Leben in den inzwischen holländisch regierten glücklichen Tropen mit anschmiegsamen Äffchen, weißen Kakadus und diensteifrigem Personal, von einem im Europa jener Zeit undenkbar freien Leben voll ausschweifender Sexualität untereinander und mit den bildschönen Einheimischen, erzählt Nigel Barley in seiner Romanbiografie über Walter Spies .
Als ob dem literarischen Ethnologen das Ausleben aller exotischen Klischees hier besonderen Spaß gemacht hätte, schwelgt Barley in „Das letzte Paradies“ überschwänglich im Sex- und Sinnenrausch. Er vernachlässigt vielleicht etwas, dass Spies nicht nur ein betörender Männerverführer, sondern durchaus philantropisch gesonnen war, ein eigenes Gamelan-Orchester gründete und seinen begabten Schützlingen beibrachte, dass man moderne Malerei nicht nur in Batik machen kann. Nach der unweigerlich geschehenden ersten Liebesnacht ist „Bonnettchen“, nach dem Vorbild des niederländischen Malers Rudolf Bonnet, sogleich verknallt in den schillernden Spies. Dass der notorisch geldknappe Prähippie ihn ständig anpumpt, den Sprit für das Auto oder die Sarong-Geschenke für die liebesdienernden Angestellten bezahlen lässt, bemerkt Bonnettchen nur mit leis nörglerischem Unbehagen, fügt es sich doch in den paradiesischen Tauschring aus Geben und Nehmen ein. Unübersehbar ist Barleys Sympathie für die „großen Kicherer“, die weniger selbstbezogen als die Europäer, dafür viel entspannter und großzügiger sind.
Für sein erstes Sachbuch „Traumatische Tropen“ (1986), in dem Barley, statt Statistiken und Diagramme über das erforschte Volk der Dowayo in Kamerun, seine eigenen sinnlichen Erfahrungen und Erlebnisse des Nichtsverstehens beschrieb, wurde der britische Ethnologe fast aus der Anthropologen-Zunft ausgeschlossen. Auch in „Die Raupenplage“ (1989) schildert der Geschichtenerzähler sehr komisch die Missgeschicke eines naiven Ethnologen und stellt die Subjektivität der Erfahrung des Forschenden scharf.
Meinten Vicky Baums Kolonialbeamten noch, die lächelnden Balinesen sind eben „doch Kinder!“, die glücklich, da vergesslich seien und keinen Sinn für Vergangenheit und Geschichte hätten, so waren sie für Spies und seine schwulen Freunde erotisch begehrenswerte, und willige Spielgefährten, von denen die steifen Europäer das Kichern lernen könnten. In Nigel Barleys ethnologischem Bericht seiner ersten Indonesienreise, sind sie dann immerhin so was wie erwachsene Menschen, die man zwar immer noch nicht versteht, aber auf Augenhöhe respektiert. Die Grenzen zwischen Beobachtendem und Beobachteten werden durchlässig. Die Erforschten schauen zurück.
In seinem indonesischen Reisebericht „Auf den Spuren von Mr. Spock“ (als „Hello Mister Puttyman“, 1994) taucht Barley in die geheimnisvolle Welt der Trojara ein. Und dann nimmt er sie mit nach London. Im Britischen Museum, wo Barley 1981 bis 2003 Kustos ist, bauen die sulawesischen Insulaner eine kunstvolle Reisscheune. Und staunen nicht schlecht über die komischen Sitten und Gebräuche der Engländer.

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Poesie der Ohnmacht

Das erschien Anfang 2016 und brachte mir das seltene Vergnügen von Leserbriefen. Die sind immer negativ. Einer kam von Van Bo, dem Berliner Künstler und Altivisten, der Möbel aus Pappe und zB. ein  faltbares Haus als mobile Notunterkunft entworfen und profuktionsreif ntwickelt hat. Er schrieb dann einen schlauen Gegenbeitrag. Inzwischen hat er auch selbst ein Buch publiziert, übers Vatersein, wenn ich mich recht erinnere.

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Katharina Winkler erzählt in „Blauschmuck“ eindringlich vom Leid einer muslimischen Ehefra
Blauschmuck ist Privateigentum. Man spricht nicht darüber. Man trägt ihn wie eine Kette um den Hals, an den Armgelenken, auf den Rippen, Schenkeln und an vielen anderen der Öffentlichkeit verborgenen Stellen des Körpers. Wer keinen Blauschmuck hat, gehört nicht dazu in dem abgelegenen kurdischen Dorf. Blauschmuck nennen die Frauen die Blutergüsse und die himmelblauen, fliederfarbenen, schwarzen Flecken, die einem der eigene Mann oder Vater zugefügt hat.
„Blauschmuck“ heißt der aktuell erscheinende Roman der 38-jährigen Autorin Katharina Winkler. Die Geschichte, so heißt es im Verlagsvorspann, „beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten“. Es ist die Geschichte von Filiz, einer jungen Frau, die 15-jährig und gegen den Willen des Vaters Yunus heiratet. Yunus ist jung und schön, Filiz ist stolz, dass er sie will. Jetzt gehört sie ihm. Und da ist es auch schon aus mit der Romantik. Filiz wird von Yunus geprügelt, gedemütigt, vergewaltigt, aufgehängt, fast totgeschlagen. Winkler erzählt die Geschichte des grauenhaften Martyriums einer Frau in einer archaischen muslimischen Welt. Das Schockierende daran ist, dass Filiz‘ Leid keine Ausnahme ist, sondern in ihrer Herkunftsgesellschaft offenbar normal und üblich ist. Dieser Roman hat das gefährliche Potenzial, alle Vorurteile gegen die frauenverachtende Rückständigkeit der Muslime zu bestätigen. Das Feindbild ist klar gezeichnet: Die Muslime von dort sind primitive Wüstlinge, die Frauen als ihre legitime Beute betrachten. Die Romanform des Tatsachenberichts begünstigt Empathie, Identifikation mit dem Opfer und erzeugt eine große Wut auf diese Männer.
Ist es nicht so, dass alles, was unsere Welt gegenwärtig so furchtbar macht, von religiös fanatisierten Männerhorden ausgeht? Und ihre Religion ist der Islam. Ist das Problem also tatsächlich „Die Krise des muslimischen Mannes“, von der jüngst der Schriftsteller Feridun Zaimoglu schrieb? Nach der Lektüre dieses aufwühlenden, ja spannenden Romans könnte man einmal mehr davon überzeugt sein. Aber ist es nicht vielleicht eine Krise des Mannes überhaupt, des Prinzips Mann, das (nicht nur) in vormodernen Gesellschaften ungebrochen herrscht?
Schon Filiz‘ Hochzeit ist ein Fest für eine alkoholisierte Männermeute, die Blut sehen will. Die Entjungferung ein Massaker, sie sieht die Wölfe vor sich, wie sie die Lämmer abschlachten. Blut auf der Wiese, Blut auf weißer Wolle. Sie lebt im Haus der bösen Schwiegermutter, schuftet wie ein Maultier, bekommt drei Kinder, dann holt Yunus sie in den „heiteren Himmel“ nach Wien. Dort, so sein Versprechen, „werden wir Jeanshosen tragen“. Aber Filiz muss weiterhin Burka tragen, Lachen ist verboten, ein geöffneter Mund sei obszön, als zeige sie ihre Schamlippen. Sie darf das von den Donauauen feuchte Kellerloch monatelang nicht verlassen. „20 Quadratmeter Österreich“ im „Land ohne Armut und Krankheit und Supermärkten mit allem“. Draußen gibt es Frauen mit Hosen und wehendem Haar. Abends kommt Yunus, lässt sich die Stiefel ausziehen, Füße waschen, isst, stößt sie.
Winklers Sprache ist karg, einfach und hart, wie die Schläge mit dem Holzscheit, wie das Weltbild der jungen Frau. Jedes Wort sitzt, keines ist zu viel. Es liegt eine Poesie der Wortlosigkeit in ihrer Verdichtung. Die Poesie der Ohnmacht. Im Ungesagten hat der Abgrund Platz. Wenn der Vater das Haus betritt, „kommt mit ihm die Stille“. Die Ehre der Familie, das ist die des Vaters, geht über alles. Die Tochter ist eine gute Schülerin, sie bekommt ein Stipendium. Der Vater sagt Nein. Unterstützung von außen würde seine Ehre verletzen. Einmal kommt die Mutter in Wien zu Besuch. Als sie ihre Tochter vor der Gewalttätigkeit des Mannes schützen will, wird auch sie verprügelt. Zum Abschied rät sie der Tochter, ihren Mann mehr zu lieben.
Bei allem Horror tut sich immer wieder ein Spalt auf, in dem das Licht der Freiheit durchblitzt. Filiz findet nette Omas und Nachbarinnen, die ihr neue Worte und Schritte beibringen. Doch sie kann nicht gehen oder aufbegehren. Jede Andeutung von Eigenständigkeit wird mit noch mehr Schlägen zerschmettert. Eine Ärztin spricht vom Frauenhaus. „Sie kennt nicht die Welt von Yunus.“
Wie kann ein Mensch so brutal sein? Er hat ein Herz, er weint, nachdem er sie zu Klump geschlagen hat und ihren zusammengeklappten Körper ins Bett trägt. Er liebt sie, er braucht sie, sagt er zerknirscht, um sie bei der nächsten belanglosen Gelegenheit erneut krankenhausreif zu schlagen.
Katharina Winkler: „Blauschmuck“, Suhrkamp, 198 Seiten, 19,50 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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Und alle Engel heulen

Ein Lieblingsbuch geht noch,..: I.J. Kays Debütroman „Nördlich der Mondberge“

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„Gibt kein Gott.“ Der Hund Sheba wird totgetreten vom Scheisskerl-Vater Bryce. Der fällt von einer Leiter und wird von Zaunlatten aufgespießt. Die Leiter führte zum Baumhaus, wo Kriegerin Lulu sich mit ihrem Baby-Bruder verschanzt und der Leiter, na ja, einen Schubs gegeben hat. Als sie von der hysterischen Halt-den-Mund-Mutter des Mordes beschuldigt wird, halluziniert sie wegen einer Fliegenpilzvergiftung, ist zehn Jahre alt und wiegt 20 Kilo. Sie kann kein richtiges Englisch, aber kennt alle Pflanzen und Tiere, und sie kann laufen wie ein Rolls Royce. „Könnte rennen. Kein Wohin. Wumms. Haut mir fast den Kopf weg.“
Denn noch bevor Lulus kaputte Karriere über Heimverwahrungen zu unaushaltbaren Pflegeeltern beginnt, flüchtete sie aus dem gewalttätigen Säuferhaushalt in die Masai Mara. Die ist nicht in Afrika, sondern ein Brachgelände in den Suburbs neben dem Autobahnring bei London. Dort hat sie ihren Speer versteckt und die rote Tischdecke, die sie sich über der Schulter verknotet. Und dort hinterlässt der Sandwichman ihr manchmal was zum Essen. Er nagelt auch hölzernen Klötze in den Stamm der großen Buche, damit sie besser hochklettern kann.
Das ist nur eine der wild durcheinandergehenden Geschichten, die polyphon und zwischen Gewalt, Armut und Liebe mäandern, an die sich die Protagonistin dieses grandios geschriebenen Buches in ihren bewusstseinsstromernden Rückblicken erinnert. Die Autorin I.J. Kay, eine Britin, verbirgt sich hinter einem Pseudonym. Auch ihre Heldin agiert unter vielen Namen, durchlebt ihre Jugend etwa als Catherine Clark oder Louise Adler, genannt Lulu King.
Die erzählende, gut 30-jährige Heldin kommt nach zehn Jahren Haft für einen Pistolenschuss, der dem Jungen Quentin bei einer Sex-Orgie das halbe Gesicht weggefetzt hat, aus dem Knast. Sie hat eine eiskalte, aber große Wohnung im für Asoziale umgebauten Pfarrhaus zugeteilt bekommen. Im Gewerbegebiet von Rose Green, wo es keine Rosen gibt und kein Grün, füllt sie jede Nacht Marmelade in Doughnuts. Wenn sie sich nicht doch vor der Schicht umbringt. Tut sie nicht. Sie ist die Kriegerin und das Programm heißt Überleben. Dafür sterben andere Leute. Kann sein, dass Lulu an einigen Toden nicht ganz unschuldig ist. Zimperlich geht es nicht zu bei Louise.
Und dann diese Sprache. Gebrochen, verstümmelt, gestammelt wird sie zum ratternden Erzählwerkzeug dieser versehrten Existenz zwischen Jugendstrafanstalten, Resozialisierungsheimen und Chlorreiniger nach hungrigem Sex. Statt gebracht wird etwas gebrungen – und umgebrungen. Sie kann Autokupplungen „reperieren“, Kampfsport hat sie im Gefängnis trainiert. Sie ist gut in Pferdewetten, Zocken. Sie wird Croupier, da ist sie schon eine Bohnenstange von knapp 1,90 und oft zu müde, um die falschen Wimpern zu tragen. Und sie wohnt mit der „walisischen Schlampe“ Gwen zusammen, mit der ein weiterer Alptraum beginnt.
Und doch gibt es das Glück. Mit einer zäh erkämpften Entschädigung für einen Arbeitsunfall bricht sie auf nach Afrika, reist zu den „Montbergen“ in Uganda, wo sie eine Freundin findet. Dieser Lynn, die 2001 auf dem Ben Nevis ihr Leben verlor, ist dieser furiose, wohl also auch irgendwie autobiografische Roman gewidmet. Immer wieder in diesem Panoptikum aus Seelenwracks gibt es ein paar, die der Liebe Lulus wert sind: der nette Michael vom Töpferkurs. Und George. Der hängt sich auf. Und alle Engel schluchzen, jede Putte heult.
Aber lustig ist diese literarische Rakete eben auch unentwegt. Zur Masai Mara reist die Kriegerin im Pauschalpaket mit einer schrulligen Rentnercombo. „Übergerascht, wieviel Glück wir haben.“ Der Galgenhumor und die anarchischen Formulierungen. Die Vielstimmigkeit der wild durcheinander springenden Erinnerungen, der explosive Cocktail aus Aufruhr, Zorn, Zärtlichkeit, Traum und Trotz, der kaleidoskopische Wirbel multipler Rückblicke, die jeden psycho-sozialen Sinn von Chronologie ad absurdum führen, erzeugt einen magischen Sound, dem man sich kaum entziehen kann. Und weil sich so viele Popsongzitate darin finden, sei hier mal ausnahmsweise der Superlativismus der Popkritik erlaubt: Dies ist das irrste, verwegendste, betörendste, berührendste, kurzum das tollste Buch des Jahres.

(welches Jahr wars bloß? Egal, komischerweise hab ich keine Leser gefunden, die meine Meinung geteilt hätten)

I.J.Kay: „Nördlich der Mondberge“, dt. von Steffen Jacobs, Kiepenheuer & Witsch, 460 Seiten, 22,99 Euro.

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Stillleben mit Hund

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Ach, das waren  noch Zeiten, als ich einfach so wunderbare Romane rezensiert hab – das war im Vorfeld des Buchpreises 2016, Eva Jung schaffte es damit auf die shortlist.

Eva Schmidts Roman „Ein langes Jahr“ erzählt vom ganz normalen Leben, in dem alles passiert
Ich saß auf meinem Balkon, trank ein Glas Wein. Rauchte.“ So lautet der wichtigste Satz in diesem Roman. Ein Jahr lang schaut die Erzählerin dem Verrinnen der Zeit zu. Sie ist gerne allein. Sie hat als Berichterstatterin gearbeitet, lebt von Ersparnissen, fotografiert noch und beobachtet die Leute in ihrer nächsten Umgebung. Sie hat einen Hund. Und einen Schmerz.
Fast zwanzig Jahre hat sich die österreichische Schriftstellerin Eva Schmidt seit ihrem letzten Buch Zeit gelassen. „Zwischen der Zeit“ hieß 1997 der Band mit Erzählungen, der damalige Rezensent verglich sie mit Gemälden von Edward Hopper. Das passt noch immer auf Schmidts unterkühlten Minimalismus. In ihrem neuen, schmalen Roman „Ein langes Jahr“ beschreibt sie mit der neutralen Präzision einer Webcam, was um sie herum geschieht. Es ist wenig. Nichts Weltbewegendes. Es ist Dienstag. Es ist Sommer. Dann ist der Sommer vorbei. Mit dem Hund dreht sie Runden durch die Siedlung. „Alles wie immer, dachte ich und ging weiter.“ Unten ist der See, oben ein Hochhaus, von dem man auf die anderen Häuser schauen kann. Dort oben wohnt sie. Schenkt sich ein Glas Wein ein, geht auf den Balkon. Raucht. Beobachtet einen Mann, der von seinem Balkon aus eine Frau beobachtet.
Ist das alles? Das ist alles. Jemand stirbt. Nicht in diesem Moment, aber bald. Eine alleinerziehende Mutter verliert ihren Job als Kellnerin, eine Künstlerin denkt im Baumarkt Todesarten durch, ein Typ wird gewalttätig, einer ist reich, ein anderer kommt erfolglos aus London zurück. „Aus mir ist auch nicht viel geworden“, schreibt ein Vater an seinen Sohn, der nicht seiner ist. Eine Tochter wartet am Bett der ungeliebten Mutter auf deren Tod. Die hat den Hund erschießen lassen, als die Tochter in den Ferien war. Ein alter Mann schafft sich einen Hund an.
Hem, wie Hemingway nennt er ihn, weil er „Der alte Mann und das Meer“ so mochte. Unversehens haben alle Namen, Vergangenheit, Träume. Aus „der Mutter des Freundes seines Sohnes“ ist Cora geworden die zu viel trinkt. Ihr Sohn Benny führt nun Herrn Agostinis Hund Hem spazieren. Der wohnt jetzt im Heim bei seiner Frau, die lieber allein wäre. „Warum? Weil. Weil.“ Benny freundet sich mit Ayse an. Ayse wird überfahren.
Spätestens hier bräuchte ich dringlich einen Hund, um in sein zottiges Fell zu heulen. Dieser so nüchtern daherkommende Roman haut mich völlig um. Die scheinbare Distanz des Kamerablicks bewirkt größtmögliche Nähe. Unversehens bin ich mittendrin in diesem Kosmos des furchtbar gewöhnlichen Scheißlebens. Ich will ein mutterloses Kind adoptieren, einen vereinsamten Rentner besuchen, etwas tun gegen die Lieblosigkeit der Welt. So geht das Wunder von Literatur.
Eva Schmidt. Ein langes Jahr. Jung und Jung, Salzburg 2016. 208 S., 20 Euro.

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Liebeserklärungen ans Leben

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„69 Hotelzimmer“ heißt das literarische Vermächtnis des Filmemachers Michael Glawogger
Zu spät. Michael Glawogger ist einer jener wilden Reisenden, die ich gerne mal getroffen hätte. Irgendwo in einer Bar in Bangkok oder einer überfüllten Wartehalle in Niemandsland. Schicke Hotelzimmer waren ihm ein Graus, Sehenswürdigkeiten langweilten ihn. Statt ins Museum ging er lieber ins Rotlichtviertel, abgeratzte Bruchbuden zog er immer Designerlofts vor. Er liebte den verstaubten Glanz mehr als den polierten. In den Kuhlen durchgelegener Matratzen fand er vergangene Erinnerungen aufgehoben, in versifften Nasszellen schimmerten ihm verwunschene Geschichten vom Leben auf.
Vor einem Jahr, am 22. April 2014, starb der Filmregisseur Michael Glawogger in Monrovia, Liberia an den Folgen einer falsch diagnostizierten Malaria. Für den Doku-Blog der SZ und in seinen Glawogger-Tagebüchern im österreichischen „Standard“ schrieb er regelmäßig über seine letzte Reise. Sie sollte ihn für einen „Film ohne Namen“ ein Jahr lang um die Welt treiben. Ohne Konzept wollte er – zusammen mit seinem Kamera- und Tonmann in einem VW-Bus – mit unverstelltem Blick die Welt einfangen. Aus seinen Zeitungsbeiträgen und älteren Geschichten haben Glawoggers Frau Andrea und die Schriftstellerin Eva Menasse nun ein wunderbares Buch zusammengestellt. Wie immer in der Reihe der Anderen Bibliothek ist es wie ein Sammlerobjekt gestaltet, also etwas aufdringlich aufwendig und zu teuer – dafür wird man aber auch von der Niedrigkeit eines Inhaltsverzeichnisses mit Quellenangaben verschont.
Tatsächlich lässt sich das Buch fast wie ein Roman auf einem Transkontinentalflug verschlingen, aber die Episoden lassen sich auch einzeln lesen in den zehn Minuten, „bis das Boarding ihres Anschlussfluges beginnt“. Die Kapitel haben die Länge einer Zigarette, wie Glawogger im Vorwort schreibt, und eignen sich wie diese für den Transitbereich, das Zwischendrin jedes Wartens. Das geht von blödelnden Sprachkalauern und lustigen Zufällen bis zu surrealen Traumsequenzen. Er erzählt von stoischen Zimmerkellnern und der Zumutbarkeit der Fernseh-Bilder von Hinrichtungen, von Ceausescu, Saddam Husseins und Gaddafi. Glawogger gelingt die tänzerische Balance aus witzigen Einfällen und Begebenheiten, scharfskizzierten Nebensächlichkeiten, kafkaesken Filmsequenzen, und einem untergründigen Dauersummen der Melancholie. Erst das Lachen macht uns bereit, den Schmerz der anderen (wie den eigenen) wahrzunehmen und anzuerkennen.
Wie in seinen großartigen essayistischen Dokumentarfilmen – „Megacities“ (1998), „Workingman’s Death“ (2007), zuletzt „Whores‘ Glory“ (2011) – nimmt Glawogger die präzise Wahrnehmung der Wirklichkeit als Ausgangsmaterial für ein großes poetisches Kunstwerk. In seinen literarischen Geschichten fiktionalisiert er sein erlebendes oder grübelndes Ich zu einem „Er“. Das Erzählen in der dritten Person erlaubt ihm ironische Distanz, aber auch das schamfreie Offenlegen der eigenen Fehlbarkeiten. „Er“ darf als einsamer Wolf durch die Städte streunen, seinen Weltschmerz in Alkohol baden, er darf auf Balkonen rauchen und Sex kaufen in all seiner zwielichtigen Schönheit und Tristesse, er kann in Erinnerungen spazieren oder einfach im Hotelbett bleiben. „Die Welt würde über Nacht einen Riss bekommen“. Er liebte es zu den Geräuschen der Nacht einzuschlafen, und vom Presslufthämmern des Tages zu erwachen.
Überhaupt die Liebe. Eine unbändige Liebe zum Leben und den Menschen, den unfassbar vielen verschiedenartigen, komischen wie tragischen, gewöhnlichen wie einzigartigen, verspielten und beladenen Existenzen war der Antrieb dieses berserkerhaften Genussbärs, der seine eigenen emotionalen Tiefdruckgebiete mit der gleichen Empathie begrüßte wie die das besinnungslos unverdiente Glücks.
Den Spiegel über den meist viel zu winzigen Schreibtischen hängte er unverzüglich an einen neuen Platz. „Wer will sich schon beim Denken zuschauen?“ Aber er schaute ohnehin viel lieber hinaus. Bei den Fensterausblicken auf zubetonierte Höfe und leere Parkplätze ging er in hochfliegenden Tagträumen verloren. Beim Austrinken all der kleinen Flaschen der Minibar hörte er dem Murmeln des Flusses zu, der von Hochwassern und Selbstmördern erzählte, und spürte dabei den Adrenalinfluss des Lebens-Junkies durch seine Venen brausen. „Am Schluss würde er beten und Gott würde ihn auslachen.“
Seine Gesichten sind eine Liebeserklärung an die Magie des Heruntergekommenen, das ihm die perfekte Umgebung für seine Einsamkeit bot. Im Zustand dieser geliebten Verzweiflung erkannte er das Funkeln des Lebens. Beim Frühstück im Garten einer Pension zwitschert eine Blaumeise und die Katze lauert, wo im nahen KZ gegen Ende des zweiten Weltkriegs Hundert Tausende von Hand hingerichtet wurden. Eine Beobachtung öffnete die Sinne für andere – ein hinkender Hund, ein behinderter Bettler und die Kiesgruben, Staudämme und Straßen sehen aus wie Narben der Welt. Singapur reimt sich auf Diktatur, er wohnt „wie im Adventskalender“, kauft sich einen touristischen Hilfiger-Tarnanzug, der ihm „Toleranz und innere Größe“ verleiht. Im Kosovo bemerkt er überall türkisfarbene Schwimmbecken, die ihm als „Blaupause des Eigentlichen“ vorkommen.
Der Genussmensch mit seiner Sehnsucht nach dem Leben kuschelt sich in ungemachte Betten und freut sich an einem Strauß Pfingstrosen, die jemand zurückgelassen hat. Welche Geschichte hat hier stattgefunden? Und wie viele mehr dieser zauberisch leichten, anarchischen, analytischen und traumdichten Geschichten von der Herrlichkeit und dem Horror der Welt hätte Michael Glawogger noch aufspüren, erfinden und uns erzählen können. Den Verlust macht dieses Buch, über das man umso glücklicher sein darf, schmerzlich klar.

Michael Glawogger: „69 Hotelzimmer“. Hrsg. von Andrea Glawogger und Eva Menasse. Die Andere Bibliothek, Berlin 2015, 403 Seiten, 42 Euro.

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Dreier unterm Moskitonetz

noch was ausm Archiv, einfach, weils ein so toller Roman ist, der nicht ganz untergehen sollte…

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Großes Kino: Lily Kings Roman „Euphoria“ schickt die junge Forscherin Margaret Mead mit zwei Männern ins Dschungelfieber

Was ist erregender, als vom Baum der Erkenntnis zu kosten? Das meint sowohl das erotische Begehren als auch den Rausch, einer alles umstürzenden Wahrheit auf der Spur zu kommen. „Euphoria“ heißt Lily Kings Roman. Es geht um den Beginn einer großen Liebe und um die Wissenschaft der Menschenerforschung. King spinnt darin die historisch belegte Begegnung dreier Anthropologen zu einem mitreißenden Drama weiter, bei dem man bald nicht mehr weiß, ob die Wahrheit oder die Fiktion das Spannendere, die Liebe oder die Forschung das Abenteuerlichere ist.
Ausgangspunkt ist eine Episode im Leben von Margaret Mead. Schon 1925, nachdem sie das freizügige Sexualleben junger Mädchen auf Samoa studiert hatte, machte die 24-jährige Amerikanerin Furore mit der These, dass Geschlechterrollen kulturell determiniert sind. Mit ihrem Bericht „über wild kopulierende Kinder am Südseestrand“ verhalf Mead der Ethnologie zu einem populären Schub. Das Wilde wurde zum Sehnsuchtstopos. Paradiesverklärung warf man ihr später vor.
Anfang der Dreißigerjahre war Mead mit ihrem Ehemann Reo Fortune, ebenfalls Anthropologe, im tiefsten Dschungel am Fluss Sepik in Papua-Neuguinea. Dort trafen die beiden auf Meads späteren Ehemann Gregory Bateson und verbrachten mehrere Monate mit ihm in einer emotionalen und intellektuellen Dreierbeziehung. War das so?
Völlig fertig, mit schrundigen Wunden, nässenden Geschwüren, Ringelflechten und glühenden Malariaaugen – aber halt, da sind wir schon mitten im Dschungel von Kings Imagination. Margaret Mead heißt darin Nell Stone, und ihr Mann Fen hat gerade auch noch ihre Brille zertreten. „Nur wieder ein toter Säugling“ kommentiert der zynisch, als die Eingeborenen ihnen zum Abschied etwas Bräunliches hinterherwerfen. Und damit ist schon auf der ersten Seite ein Ton gesetzt, der alle Romantik noch die zarteste Liebe mit Unheil und Gewalt kontrapunktiert.
Nach einem zermürbenden Jahr im Busch ohne nennenswerte Entdeckungen strandet das genervte und zerrüttete Forscherehepaar bei dem britischen Kollegen alias Andrew Bankson. Der ist da bereits zum Verrücktwerden vereinsamt und so deprimiert, dass er sich gerade im Fluss ertränken wollte. Die Eingeborenen, die ihn aus dem Wasser ziehen, erklären ihm nachsichtig, dass man nicht mit Steinen in den Taschen schwimmen gehen soll. Und obgleich die eigentliche Heldin des Romans die feministische Aktivistin und Weltverbessererin Mead alias Nell ist, wird Bankson zu Kings Ich-Erzähler. Ja, es wird seine Geschichte. Der große Zweifler – Mead beschrieb ihn in einem Brief an ihre Freundin Ruth Benedict als „1,93 Meter verletzlicher Schönheit“- ist verzweifelt über die Sinnlosigkeit seiner Forschungstätigkeit. Er wird von den Eingeborenen ausgetrickst, für dumm verkauft, verspottet, er erfährt nichts, er versteht nichts. Aber in seinem vermeintlichen Scheitern erkennt er, dass jede scheinbar objektive Erkenntnis mehr über den Forschenden als über den Forschungsgegenstand aussagt. Alle Erkenntnis ist subjektiv.
Allein der Reichtum, die Möbel, das Geschirr, die Leinenservietten, die Nell und Fen von 200 Trägern in den Dschungel schleppen lassen, bringen das Gleichgewicht aus dem Lot. Schon damit verfälschen sie ihre Forschungsergebnisse. Mit den beiden treffen zugleich völlig unterschiedliche Methoden aufeinander. Um sich nicht zu sehr in die Quere zu kommen bei ihrer „Schlacht um Informationen“, teilen sie „ihren“ Stamm in Zuständigkeitsbereiche auf. Fen studiert Verwandtschaftslinien, Erbfolge, den repräsentativen, den männlichen Teil der Stammeshierarchie, Nell ist für Heim und Herd zuständig. Sie weckt zuerst behutsam das Vertrauen der Kinder, interessiert sich für die Handarbeiten und Nahrungszubereitung der Mütter und hat bald Zutritt zum Frauenhaus. Und kommt so einem geheimen Ritual des Transvestismus auf die Schliche. Von den Kindern erlernt sie die Sprache, aber eigentlich vertraut sie mehr ihrer (weiblichen) Intuition. Zu viel Sprachkenntnis behindert das unvoreingenommene Beobachten, sie verdrängt das Erfassen nonverbaler Kommunikationen. Und die ist bei den Ahnengläubigen von existenzieller Bedeutung.
Als der in die Minen entführte Xambun zurückkehrt, seine Auspeitschungsnarben wie eine neue Tätowierung, stürzen sich die Anthropologen auf ihn. Er ist ein unschätzbarer Informant, weil er den Blick von außen auf seine Welt erfahren hat. Doch Xambun bleibt stumm, ein einsamer Außenseiter seiner Gesellschaft. Die Dorfgemeinschaft aber feiert ihn als Helden in einer Orgie, tage- und nächtelange Exzesse aus Fressen, Saufen, Ficken. Nell ist abgestoßen, Fen aber ist hingerissen vom kollektiven Ausbruch des Animalischen. Er bewundert die Barbarei, nichts schreckt ihn am „Primitiven“. Nichts lässt er aus an Selbsterfahrung. Er verlässt die Distanz des Beobachters, er will Teil des Forschungsgegenstands sein. Menschenfleisch? Missionar schmeckt wirklich wie altes Schwein. Frauenraub? Aufregend! Die Besessenheit des Krieges zieht ihn an, friedliche Stämme findet er sterbenslangweilig. Er wird auch keine Skrupel haben, eine heilige Stele mit uralten Schriftzeichen von einem Stamm zu stehlen. Und die Katastrophe auszulösen.
Doch zuvor muss der Höhepunkt her: Er kommt mit dem Buchmanuskript von Helen. Mit der hatte Nell auch mal eine Liebesbeziehung. Wie in Trance verschlingen die drei ihre Worte. „Das stärkste Rauschmittel hätte mir nicht so zu Kopf steigen können.“ Helen fegt jede Vorstellung von rassischer Überlegenheit der westlichen Zivilisation als Unsinn davon. Die Ideen explodieren, plötzlich scheinen sich alle Datensplitter und Geister zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Trunken vom Feuerwerk der Erkenntnisse – der wie gesüßter Gummi schmeckende Kiona-Wein tut sein Übriges – erfahren sie den Moment reinsten Glücks.
Hinter Helen verbirgt sich Ruth Fulton Benedict, Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie. Sie hat mit Mead zusammen in der pazifischen Region geforscht. Ihre Hinterfragung aller „Naturgegebenheit“, etwa von patriarchalen Strukturen, ist Bilderstürmerei, ihre radikale Sprengkraft wird sie erst in der feministischen Rezeption der späten Sechzigerjahre entfalten. Anhand der melanesischen Dobu, bei denen Diebstahl als höchste Tugend gilt, belegt sie ihre These, dass Kultur gesellschaftlich konstituiert wird – und abendländische Ethik relativ ist. Ihre Theorien über die Dobu beruhten auf Berichten von Reo Fortune, dem Roman-Fen. Von 1943-45 war Benedict Geheimagentin der CIA. In deren Auftrag erstellte sie – wie auch Margaret Mead für die Propagandabehörde „Office of War Informations“ – eine Studie über die Kultur Japans. Nach Pearl Harbor war Japan der Hauptgegner der Alliierten im Pazifikkrieg. Spätestens hier endet die Unschuld des kulturanthropologischen Forschens. Mithilfe von Banksons geografischen Angaben wird bei einer Vergeltungsaktion der US-Army ein ganzer Stamm am Sepik ausgelöscht. Wahr ist, dass auch Gregory Bateson in die „anthropologische Kriegsführung“ verwickelt war.
Der Amerikanerin King gelingt mit diesem spannenden Roman das Wunder, dass man selber zum Erforscher des Fiktionalen wird. Damit treibt sie die Schnittstelle zwischen Forschern und den Erforschten im Lesenden selbst auf die Speerspitze. Im Anthropologen-Blog Savage Minds wird übrigens schon darüber spekuliert, wer die Hauptrollen in einer Verfilmung von „Euphoria“ spielen könnten.
Lily King: Euphoria. Aus dem Englischen von Sabine Roth, V.H. Beck,München 2015. 164 S., 19,95 Euro.

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Von der Pest

noch ein Archivtext, Thema Abenteuer und Forschung:

Patrick Deville erzählt berückend von Leben und Zeit Alexandre Yersins, der den Pestbazillus entdeckte

Ein geglücktes Leben

Was für ein großes kleines Buch. Der französische Schriftsteller Patrick Deville zeigt in seinem Roman „Pest & Cholera“ einmal mehr, wie erfrischend unterhaltsam und erkenntnisbildend Zeitgeschichte erzählt werden kann. (2017 erschien von Deville eine neue tolle Biografie über Trotzki: Viva!) Wie schon in seinen wunderbaren Biografien „Pura Vida“ über das Leben und Sterben des barbarischen „Don Quichotte Mittelamerikas“, William Walker, der sich zum König von Nicaragua erklärte, und „Äquatoria“, in dem er den Spuren des Afrikaforschers Pierre Savorgnan de Brazza durch den Kongo folgte, verwebt <<Deville>> auch hier wieder Reisebericht und die im politischen wie kulturhistorischen Kontext eingebundene Biografie eines außergewöhnlichen Menschen zu einem Abenteuerroman voller Empathie und Weltklugheit.
Und wieder ist sein Held eine Figur, deren Namen fast nur noch einigen Medizinern in seiner latinisierten Form ein Begriff ist: Yersinia pestis, der Erreger der Pest. Alexandre Yersin, 1863 im Schweizer Kanton Waadt geboren, wo es „außer Insekten zu foltern, wenig Zeitvertreib gab“, Vater stirbt zu früh, Mutter Fanny eröffnet ein Mädchenpensionat, wo den jungen Frauen „Literatur und Malerei und solcher Quatsch“ beigebracht wird, gestorben 1943 im damals französisch beherrschten, heute vietnamesischen Nha Trang.
Dazwischen 80 Jahre, in denen die Welt zwei Kriege erlebte und nichts blieb, wie es war. Yersin studiert Medizin in Marburg, kauft sich bei Carl Zeiss in Jena ein Mikroskop, geht nach Paris, wird Laborassistent im Institut von Louis Pasteur, der gerade den ersten Menschen von der Tollwut geheilt hat. Es ist das Jahr des Berliner Kongresses, auf dem die Europäischen Mächte Afrika unter sich aufteilen, wo der Hallodri Henri Morton Stanley, nachdem er den verschollenen Arzt, Pfarrer und Entdecker „Livingstone, I presume“ aufgestöbert hat, im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. den Kongo reklamiert, während der Waffenhändler Rimbaud sich auf äthiopischen Kamelen die Beine verschleißt. Yersin impft, laboriert an Mäusen, entdeckt das Diphterietoxin, killt ein Kaninchen mit experimentell gezüchteter Tuberkulose, dann, nach zwei Jahren bei der lebenslänglich haltenden Bande um Pasteur, hat er genug.
Es zieht ihn – zur See. Die wissenschaftliche Forschung im Labor langweilt den Unruhegeist, „es genügt ihm zu wissen, wie man beobachtet“. Er will wie Livingstone in die weite Welt hinaus, was Handfestes machen, „Drachen bauen“, nennt es sein Biograf. 27 ist er da, inzwischen eingebürgerter Franzose, als er an Bord der „Oxus“ von Marseille durch den Suezkanal nach Saigon reist. Tausende Kilometer entfernt fahren der englische Kapitän Joseph Conrad, der zuvor ein Pole war, und der in französischem Dienst die Handelsroute erforschende Brazza den Kongo hinauf, das englische Akronym „posh“ wird erfunden, das sich von „port out, starboard home“ ableitet, backbord hin, steuerbord zurück, damit man immer den Blick aufs Ufer hat. In Saigon tritt Yersin seinen Posten als Arzt auf dem französischen Linienschiff „Saigon-Manila“ an, fährt mit eigenem Kutter die Flussmündungen ins Land hinein.
Denn hierhin wird es ihn weiter treiben. Auf der Strecke Saigon-Hanoi macht er Station in einem Fischerdorf. In Nha Trang baut er sich eine Holzhütte auf Stelzen am Ufer, übt Barfußlaufen im Dschungel, erkundet das Bergvolk der Moi, rüstet sich mit zwei Elefanten, Pferden und Einheimischen zu einer Expedition, auf der er als Erster einen Weg von der Pazifikküste über die Dschungelberge bis zum Mekong in Kambodscha bahnen wird. Dabei durchstreift er eine von den Kolonisatoren bislang unberührte Hochebene, auf der sein Freund Paul Doumer, der Gouverneur von Indochina, den Kurort Dalat gründen wird. Bis heute steht dort eine Kopie des Eiffelturms. Yersin wird bald das durch ihn ausgelöste Eindringen der Moderne in das Gebiet der „Gebirgsbewohner“ bedauern. Doumer verdonnert Yersin auch zum Gründungsdirektor des Krankenhauses von Hanoi, das er verlässt, sobald der Betrieb läuft.
So ist es immer mit ihm. Er muss weiter, wenn etwas entdeckt, gefunden, installiert ist. Die Kleinarbeit, Ruhm und Lohn überlässt er anderen. Aber in Nha Trang, da wird er bleiben, da wird er sesshaft. Baut ein großes, weißes, quadratisches Haus, in dem die Fischerfamilien Unterschlupf finden, wenn ein Tsunami droht, in dem er seine Armenpraxis betreibt und ein Labor, in denen er Fischerjungs ausbildet. Doch die Pasteur-Bande lässt einen der ihren nicht so leicht los. Diese Aktivisten der mikrobakteriellen Revolution, oft Staaten- oder Vaterlose, die mit Reagenzgläsern und Mikroskop im Weidenkoffer in die fernste Welt ziehen, um sie zu pasteurisieren und so von Mikroben zu reinigen, sie schicken ihn nach Hongkong. Dort ist 1894 die Pest ausgebrochen. Aber die Japaner sind auch schon da, eigentlich die Deutschen, die Bande des Robert-Koch-Instituts, wo „Lama Koch“ die Tuberkuloseerreger entdeckt hat. Die Japaner erlauben dem Franzosen nicht, eine Pestleiche zu sezieren. Kein Problem, das nicht gelöst werden könnte. Yersin schneidet bei einem geklauten Toten eine Pestbeule auf, identifiziert unter seinem Jenaer Mikroskop einen wimmelnden „Mikrobenbrei“. Wieder kommt dem ruhelosen Forscher der Zufall zu Hilfe. Weil er keinen Brutkasten zur Mikrobenzucht hat, findet er heraus, dass sich die Pestbakterien bei 28 Grad, der Durchschnittstemperatur von Hongkong, am schnellsten vermehren. Fall gelöst, Reagenzgläser nach Paris geschickt, nach zwei Monaten ist Yersin wieder auf seiner Scholle. Weil im Institut ein Jahr lang keiner in die Gänge kommt, fährt er dort hin, päppelt seine Pestbakterien wieder auf, schwächt sie dann ab, bis man damit immunisieren kann. In wieder nur zwei Monaten hat er den Impfstoff von der Maus bis zum Pferd getestet – und fährt wieder zurück. Da bricht die Pest in Guangzhou aus, Yersin eilt hin und heilt mit seinem Pferdeserum über Nacht einen sterbenskranken Chinesen.
Kapitel beendet. Nicht jedoch die enzyklopädische Neugier Yersins. Der Menschenfreund ohne Frau stürzt sich nun in das Studium aller überlebenswichtigen Techniken, zu Viehzucht und Landwirtschaft kommen Elektrizität, Maschinenbau, Architektur, Tiefbau, er fährt das erste Automobil durch Hanoi, er pflanzt Kautschukbäume, die ihn zu einem reichen Mann machen. Als 1915 die Kollegen vom Institut Dienst an der Front leisten, die Impfstofflieferungen aus Paris versiegen, siedelt er Chinarindenbäume an, um Chinin gegen die Malaria zu produzieren. Gegen sein Lebensende, als er 1940 mit dem letzten Flugzeug aus Frankreich nach Saigon fliegt, kann er den Duft von Rosen und Himbeeren auf seiner inzwischen auf 20 000 Hektar gewachsenen „Einflusssphäre“ genießen. Während Europa zum Schlachtfeld wird, hat der eigenbrötlerische Universalist, der sich sein Leben lang vom „Dreck der Geschichte und der Politik“ fernhält, auf seiner asiatischen Arche Salat und Kartoffeln, Bohnen und Artischocken heimisch gemacht. Und Drachen hat er auch noch mal gebaut. Um das Wetter besser vorhersagen zu können, guckt er in die Sterne, tauscht Mikroskop gegen Teleskop und lässt seine Drachen tausend Meter hoch in die Wolken steigen.
Nun ist diese erstaunliche Biografie doch fast der Reihe nach erzählt. Dabei ist ein Trick dieses federleichten Romans gerade, dass er die prosaischen Jahreszahlen mit historischen Querbezügen umschreibt. Das macht die Chronologie dieses sprunghaften Lebens zu einer Schnitzeljagd, in der die numerische Ordnung sich in kulturhistorischen Parallelen auflöst. So ist das Jahrhundert, das per definitionem 100 Jahre dauern wird, 1933 gerade mal so alt wie Christus und Alexander der Große, als sie starben. Ein Jahr zuvor war Doumer, inzwischen Präsident der Republik, von einem russischen Arzt erschossen worden. Der Dichter Pierre Loti, auch er ein Asien-Reisender im französischen Dienst, schenkt Doumer die Aufzeichnungen über seine „Pilgerfahrt nach Angkor“. Der Arzt Louis-Ferdinand Destouches vollendet als Celine seine „Reise ans Ende der Nacht“. Yersin hat anders als seine Zeitgenossen Michelin, Dunlop, Peugeot und Renault oder auch seine den Nobelpreis erhaltenden Forscherkollegen keinen Markennamen hinterlassen. Er verschwand in einem geglückten Leben.
Das „Gespenst aus der Zukunft mit seinem maulwurfsledernen Notizbuch“, wie sich der Autor Deville immer wieder diskret in die Erzählung einbringt, folgt Yersins Reisen, quartiert sich im Gasthaus Zur Sonne in Marburg ein, im Majestic in Saigon, im Palace in Dalat, im Lutetia in Paris, und stellt erfreut fest, dass „die Unterkünfte erstklassig“ sind. Sein Roman steht dem in nichts nach.
Patrick Deville: Pest & Cholera Aus dem Franz. von Holger Fock und Sabine Müller. Bilger, Zürich 2013. 237 S., 19,90 Euro.

 

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Brueterich Press

 

Noch ein Archivtext, noch ein Orchideenverleger: Interview mit Ulf Stoltetfoht anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2016 erschienen.

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„Schwie­rige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“

Der Dichter Ulf Stolterfoht betreibt den Verlag Brueterich Press, der auf Abonnenten baut
Ulf Stolterfoht ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart, seit 2000 hat er fast jedes Jahr einen Preis bekommen. Der gebürtige Stuttgarter lebt in Berlin. Derzeit hält er sich in England auf. Das Interview haben wir deshalb per E-Mail geführt. Ulf Stolterfoht beantwortete die Fragen während einer mehrstündigen Zugfahrt vom Londoner Bahnhof King’s Cross bis zur Ankunft im Bahnhof von Edinburgh Waverley. Seine Gemütsverfassung, so teilte er im Anschreiben mit, war ausgeglichen.
Sie sind Dichter und wissen, wie unmöglich es ist, mit Gedichten Geld zu verdienen. Im vergangenen Jahr haben Sie nun selber einen Verlag für Lyrik gegründet. Sind Sie verrückt?
Es ist ja noch schlimmer: Ich verdiene nicht nur mit dem Schreiben kein Geld, ich verdiene auch mit dem Übersetzen kein Geld. Da möchte man dann mit dem Verlegen natürlich auch nichts verdienen. Das berühmte dritte unrentable Standbein. Das Paradoxe an der Sache ist nun aber, dass ich trotzdem irgendwie davon leben kann, und das schon ziemlich lange. Diese ganzen nicht oder schlecht bezahlten Tätigkeiten haben, zumindest in meinem Fall, dazu geführt, dass eine indirekte Form der Vergütung stattfindet, also etwa in Form von Preisen, Stipendien, Lehrtätigkeiten, Lesungen und Moderationen. Und ich glaube, dass durch die Verlegerei das Spielfeld noch ein bisschen größer geworden ist. Das hat jedoch bei der Gründung des Verlags keine Rolle gespielt. Den Verlag gibt es, weil ich das schon sehr lange machen wollte. Schreiben tue ich ja auch, weil ich das schon immer wollte. Das reicht mir völlig aus als Begründung. Mehr braucht es nicht.
Ihr Verlag Brueterich Press wirbt mit dem Slogan „Schwierige Lyrik zu einem sehr  Preis“. Was darf man sich darunter vorstellen? Geht es da um kapitale Investitionen? Steuerhinterziehung? Wie ist das Geschäftsmodell?
Dieser Slogan versucht, vielleicht weniger ironisch als vielmehr offensiv, mit den Ressentiments umzugehen, die es gegenüber den etwas komplexeren Spielformen des Gedichts gibt. Ich habe vor einiger Zeit sehr lachen müssen, als Martin Mosebach in einem Interview betont hat, er sei keineswegs konservativ, er sei doch, bitteschön, reaktionär. Ich glaube, das ist dieselbe Strategie.
Sie produzieren also schön gestaltete Bücher in kleinen Auflagen für Sammler …
Ich hoffe, dass ich ganz genau das nicht mache! Die Bücher haben eine Erstauflage von im Moment 500 Stück, Oswald Eggers „Gnomen & Amben“ ist als erstes Buch in der zweiten Auflage, das sind dann nochmal 250 Stück, und 750 Bände scheinen mir ungefähr das zu sein, was sich im deutschsprachigen Raum an Lyrik verkaufen lässt. Das sind nun aber 750 Leser – und nicht 750 Sammler! Tatsächlich weiß ich nur von einem Abonnenten und einem regulären Käufer, dass sie sich als Sammler verstehen. Denen schlage ich die Bücher dann noch mal extra ein. Mein zweiter Einwand gegen die Sammlerstücke: Man kann Bücher kaum billiger herstellen, als wir das machen: DIN-A-5, Abbildungen und Cover schwarz/weiß, unkaschiert, unverschweißt usw. – weniger geht kaum! Wenn sie trotzdem schön sind, liegt das allein an den Gestaltern von gold & wirtschaftswunder in Stuttgart! Und die machen das auch noch zu einem Preis, der alles andere als marktüblich ist.
Ist das Buch der Zukunft ein handverlesenes Objekt für Liebhaber?
Nein! Ich glaube, dass gerade für Gedichte das gedruckte Buch noch eine ganze Weile die favorisierte Form bleiben wird. Die Tatsache, dass Vinyl ein so grandioses Comeback gefeiert hat, liegt weniger am Fetischismus der Sammler (die wurden ja sowieso immer bedient), als daran, dass Schallplatten (nicht nur für DJs) unbestreitbare Vorteile haben, etwa in Haltbar- und Bedienbarkeit. Andererseits lese ich mittlerweile sehr viel auf dem E-Reader, vor allem nordamerikanische Lyrik im Original, was mit der Verfügbarkeit und dem Preis zu tun hat, aber auch mit dem Wunsch, die Bibliothek jederzeit verfügbar zu haben. Ich denke jedenfalls darüber nach, die Brueterich-Bände auch als E-Book anzubieten.
Wie funktioniert Marketing, Vertrieb, gibt es die Bücher auch im Laden?
Das Marketing läuft fast ausschließlich über Facebook. Ich sage es nicht gern, aber ohne Facebook hätte der Verlag wahrscheinlich schon längst wieder zumachen müssen. Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute man auf diesem Wege erreicht. Den Vertrieb mache ich selbst, Gott sei Dank! Wobei mir eine befreundete Buchhandlung unter die Arme greift, wenn ich längere Zeit nicht in Berlin bin. Die Bücher haben alle eine ISBN, sind also über jede Buchhandlung zu bestellen. Darüber hinaus gibt es etwa 20 Buchhandlungen, die die Bücher entweder abonniert haben oder sie als Verlagsdepot verfügbar halten.
Wer darf bei Ihnen ein Buch machen? Gibt es Ausschlusskriterien? Sie verlegen auch Autoren wie Marcel Beyer oder Oswald Egger, die schon in großen Verlagen sind. Brauchen die Brueterich Press oder braucht Brueterich Press die, um unbekanntere mitzuziehen?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Natürlich brauchen Oswald Egger und Marcel Beyer als Suhrkamp-Autoren keine Brueterich Press, um Bücher zu machen. Das gilt auch für die anderen Autoren und Autorinnen – den Anspruch habe ich schon, dass ich nur Bücher mache, die eigentlich zu gut und zu groß sind für die Brueterich Press! Andererseits ist das ja eine ganz fragile Angelegenheit in den größeren Häusern: Übertrieben viele Gedichtbände machen die ja nicht, von Lyriktheorie ganz zu schweigen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Ich glaube, jeder sieht seine Bücher gern in einem Umfeld von Leuten veröffentlicht, die etwas Vergleichbares machen. Ich habe das beim Verlag von Urs Engeler lange erleben dürfen.
2010 bis 2013 betrieben Sie den Blog Brueterich TM. Da ging’s um sprachlich verwegene Momente in Schöneberger Lokalitäten. Was bedeutet der Titel? Wieso wurde das beendet? Ist Bloggen kein gutes Medium fürs Dichten?
Von Anfang an war klar, dass der Zauber nach 1 000 Tagen wieder vorüber sein würde. Brueterich TM war ein Bestandteil eines ganzen Blogsystems, eben des Systems Brueterich, das aus 39 Kammern bestand, darunter auch so bodenständige Blogs wie „Tragbare Herrenmode“ oder „Presskopf – Linke Küche“; und einer dieser Blogs war die Homepage eines imaginären Verlags, nämlich der Brueterich Press, die es damit dem Namen nach schon seit 2011 gibt, und auch der Eintrag beim Gewerbeamt Tempelhof-Schöneberg erfolgte, ohne dass damals ein Buch in Aussicht gewesen wäre. Der Name „Brueterich“ entstammt einem langen Gedicht von mir, einer Namensliste mit Wörtern, die ich gerne noch in Gedichten verwendet hätte, von denen aber zu befürchten war, dass sich kein Platz für sie würde finden lassen. Und siehe da: hat sich doch noch einer gefunden!
Auf Ihrer Verlagsseite gibt es ein Wappen der Lyrikknappschaft Schöneberg. Ist das ein Geheimbund? Eine Sekte? In Ihren eigenen Gedichten (Neu-Jerusalem) wimmelt es ja auch von historischen Schraten.
Die Lyrikknappschaft gibt es tatsächlich, und ich muss das wissen, da ich ihr Kassenwart bin. Die Knappschaft besteht zurzeit aus, wenn ich richtig rechne, 15 Knappen („Knappe“ ist männliche und weibliche Form!), allerdings stehen viele Bewerber auf einer Warteliste, über die nicht entschieden werden konnte, weil sich die Knappschaft schon länger nicht mehr in ganzer Stärke getroffen hat. Die Aufgabe der Lyrikknappschaft, neben der Pflege der Geselligkeit (die Knappschaftsweihnachtsfeiern sind berühmt!), ist es, für wirtschaftlich in Schieflage geratene Knappen einzustehen – dafür liegen auf dem Knappschaftskonto derzeit etwa 1 100 Euro bereit.
Ist die „Nische“ das Zukunftskonzept für den Buchmarkt?
Ja, klar!
Welche Rolle spielt, gerade in diesem Zusammenhang, das Brueterich-Press-Abonnement?
Eine ganz wichtige Rolle. Die Abonnements sind die Lebensversicherung für den Verlag. Wer ein BP-Abonnement abschließt, bekommt alle Brueterich-Bücher, zwischen sechs und acht pro Jahr, portofrei und mit 25 Prozent Rabatt (Buchhandlungen 40 Prozent), zusätzlich winkt ein prachtvolles Buchgeschenk aus dem Archiv des Verlegers sowie ein Eintrag auf der „Ehrentafel der Abonnenten und Abonnentinnen“ auf http://www.brueterichpress.org. Im Moment gibt es 197 Abonnenten, was großartig ist, aber nur knapp reicht, um so die Druckkosten und das Honorar für die Gestalter zahlen zu können. Um die Autorenhonorare, die Lagermiete und das Porto abzudecken, dürften es noch ein paar mehr sein. Ich habe die Kosten, ehrlich gesagt, total unterschätzt. 250 Abos wären mindestens erforderlich. Aber warum sollte das nicht auch noch zu schaffen sein?

Ps:  Fünf neue Abonnenten hat Aktion für Agitation & Propaganda (publizierz in FR und Berlinet Zeitung) gebracht.

Hervorgehobener Beitrag

Mein Lieblingsverleger

boah, so oft und so schnell kann man gar nicht abstürzen, wie das diese Seite tut.

Ein Versuch mehr also. Zb das schon etwas ältere Porträt meines Lieblingsverlegers Pit Engstler, der soeben das neue Buch von Ann Cotton herausgebracht hat, das atemberaubend, irre und unfassbar toll geworden ist. Wumderschön gemacht nebenbei sowieso, aber was diese Texte alles sind, Gedichte, Kalligrafien, Stories, mäandrierende Essays oder komische Reime und was und wie sie was enthalten und auftun, davon später, wenn ich mir dazu überhaupt Worte zutraue. Hier erst Mal zu Pit: Der Text über ihn ist schon ein paar Jahre alt, er wurde damals ungefähr so in der Berliner Zeitung und der FR veröffentlicht. Ich habe damals Pit dafür in,der Rhön besucht. Freunde sind wir seitdem.

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Die Frei­heit der Lang­sam­keit

Geht es um Bücher, geht es auch ums Geschäft. Aber nicht immer. Ein Besuch beim Kleinstverleger Peter Engstler in Oberwaldbehrungen.

Zufällig kommt niemand in das Dorf. Es gibt im fränkischen Oberwaldbehrungen eine Bushaltestelle, 184 Einwohner, ein Gemeindehaus in der ehemaligen Dorfschule, eine Kirche. Und einen jüdischen Friedhof, der 1985 wieder mal geschändet wurde.
„Ich arbeite eigentlich nur meine Interessen ab“, sagt Peter Engstler, während er die knarzende Tür zu einem Bauernhaus aufschließt. Gut 200 Jahre hat das Haus aus schrundigen Fachwerkbalken und dicken Steinmauern auf dem Buckel. Jetzt beherbergt es Papier: Bücher über Bücher, einen Raum voller Literatur- und Philosophie-Zeitschriften. Die Regale und Kartonstapel reichen von den Dielen bis zur Decke – das Dach und ein paar Fenster sind alles, was Engstler bisher erneuert hat. Eine steile Holzstiege zickzackt sich zum Boden voller Kisten und Türmen aus Packpapierkladden.
Das ist der Verlag von Peter Engstler. Er selbst wohnt in einem dottergelben Fachwerkhaus schräg gegenüber. Engstler ist einer der kleinsten Kleinverleger Deutschlands. Nach Leipzig zur Buchmesse fährt er nicht. Lohnt sich nicht. Obgleich dort gerade die konzernunabhängigen, oder wie es jetzt heißt „inhabergeführten“ Kleinverleger ihren Auftritt haben. Also solche Unternehmer wie er, die auch die geschäftlichen Risiken für ihre Bücher tragen. In den großen Verlagshäusern herrscht längst Arbeitsteilung zwischen dem kaufmännischen und dem fürs Programm zuständigen Personal.
Um einen Verlag für gedruckte Bücher zu betreiben, braucht man Optimismus, eine Mission oder den Glauben an eine Marktlücke, einen Riecher für den Trend, eine gute Portion Verbohrtheit, wenn der eigene Geschmack gerade nicht trendig ist. Etwas Geld wäre auch nicht schlecht, wie Neugründungen zeigen, die auf den Erbschaften der Wirtschaftswundergeneration basieren.
Als Engstler 1986 mit dem Bücherverlegen begann, hatte er keinerlei Finanzkapital im Hintergrund. Das ist bis heute so. Sein Einmannbetrieb funktioniert nicht nach dem Profitprinzip, marktwirtschaftlich rechnet er sich nicht, und fast hört man seinen Zusatz: Und das ist gut so. Engstlers Bücher, nunmehr knapp 200 und beinahe alle noch lieferbar, sind ausgesprochene Nischenprodukte: Gedichte und experimentelle Prosa sind nur etwas für eine Minderheit. Erst recht so schräge Texte, wie Peter Engstler sie mag. Wer ans Geld denkt, der schreibt und verlegt keine Lyrik.
Ein Archiv der Subkultur
Das Bücherhaus hat etwas von einem verwunschenen Museum. Das Erdgeschoss sieht aus wie die Installation eines Buchladens mit Auslagen aktueller Titel, Tischchen mit Leselampe, Postkarten mit Agitpropsprüchen und Flugschriften unverständlicher Theorien. Darüber tuscheln Holzwürmer über eine Strategie gegen die digitale Zersetzung. Das ganze Haus ist ein Speicher der Ideengeschichten. Lager und Archiv von der Beat-Generation über die Anti-Psychiatrie zur linksradikalen Subkultur.
„Es geht um das Bewahren“, wiederholt der sonst ganz unkonservative Endfünfziger. Denn die große Zeit dieser undogmatischen Rebellion, als sich Bücher wie „Rock-Power“ 200 000 Mal verkauften, war ja schon in den Achtzigerjahren vorbei. Der Buchladen bildet theoretisch ein abgeschlossenes Forschungsgebiet, denn praktisch kommt niemand. Nein, hier kauft keiner Bücher. Schon gar nicht so deliranten Mundart-Rap wie den des Mannheimer Krachwerkers Jörn Burkhart, dessen Schimpfwörterkanonaden einem Hirn und Magen verdrehen. Das Leben ist rau genug hier. Die Rhön mit ihren kargen Hügelkuppen war immer schon eine Arme-Leute-Gegend, die Grenze zum Todesstreifen viele Jahre nah. Mehr Zonenrandgebiet ging nicht.
Eine traurige Landschaft, „von den Römern selbst gemieden“, dichtete Helga M. Nowak , die einige Zeit der „ruhmlosen Langeweile“ dort im Dorf Grabfeld verbrachte. Die Böden schlecht, die Bauern Untertanen. Peter Engstlers Eltern blieben als Flüchtlinge hier hängen, kleine Leute, die sich mühten, nicht aufzufallen. Wim Wenders drehte in der Gegend 1976 seinen Film „Im Lauf der Zeit“. In einem stillgelegten Kino veranstaltete Engstler mit Freunden Filmabende, Lesungen, Konzerte. Disco lief am besten. Erst seit zwei Jahren gibt es Autobahnanschluss, die A 71 verbindet Schweinfurt mit Erfurt. Selbst Bionade gibt es, kommt von hiet. Die fränkische Variante, das Original, inzwischen aber auch schon wieder zum Fake outgesourct.
Ab 1984 betrieb Peter Engstler hier seinen Buchladen, Freitag und Samstag war ein paar Stunden geöffnet. Die Miete war niedrig und kam rein. Den Rest der Woche verdiente er sein Geld als Waldarbeiter, immer draußen und für sich, das gefällt ihm bis heute. Da fing es wohl an, dass sich ihm die Worte im Kopf zu wortkargen Gedichten fügten. Steinschlag, Wortbruch, Satzfragmente, ohne Komma und Punkt, Hauptwörter einsilbig, entschlackt von Handlung, von Erklärbarem auch. „Es geht um prismatische Wahrnehmung“, fasste es der Laudator zum Hungertuchpreis an Peter Engstler 2009 zusammen. Oder halt: Nichts bleibt, wie es ist.
Im Wald, erzählt Engstler, konnte es passieren, dass ein Baum, den er fällte, über die Grenze kippte. Dann durfte er das Holz nur bis zur Grenzlinie kleinmachen. Seitdem das mit der Waldarbeit wegen dem Kreuz nicht mehr geht, verdient er unter der Woche seinen Lebensunterhalt als Betreuer in einem Heim für Behinderte. Ein Vierteljahrhundert schon staunt er mit einem Erwachsenen mit Down-Syndrom über den magischen Strudel im Badewannenabfluss: „Was läuft da ab?“ In der nonverbalen Kommunikation mit ihm kapierte er, dass eins und eins nicht zwei sein muss. „Die können sich nicht ausdrücken in unserem Sinn, das sind Wortfetzen, die über Bande gehen.“ Das nichtlineare Denken sei da angewandte Praxis. Hinter unserer Logik und dem „gesunden Menschenverstand“ gebe es andere Welten. „Du spürst’s halt oder du spürt’s net“, sagt Engstler mit leicht unterfränkischem Ton.
Seine Stimme ist tastend, die Sätze kreiseln um Möglichkeiten, das Gesagte infrage zu stellen, die Wahrheit der Worte auszutesten und in etwas anderes zu wenden. Er redet nicht gerne über seine eigene Dichterei. Wie eigentlich jeder gute Verleger bringt er die Sprache immer wieder auf andere Autoren zurück. Dem großen Dichter William S. Burroughs hat er in Basel mal die Hand geschüttelt. Von ihm hat er die Cut-up-Methode. Mit einfachen technischen Hilfsmitteln – einer Schere – wird da ein Text zerhackstückt und neu verklebt. Zeilen fallen, Bedeutungen verrutschen. Das Ergebnis dieser Zufalls-Montage ist Dekonstruktion von Sinn, im Wortverschnitt sollen sich neue poetische Assoziationsräume auftun. Mit der Linearität der Sätze wird auch die Ordnung des Denkens aufgehoben. Und kommen die Gedanken erst mal aus der Spur, spurt bald auch die Person nicht mehr. Hier ist der Keim zum Widerspruch, die Sprengkraft der Poesie.
„Die Revolution ist ein langes Gedicht. Jaja“, formulierte Helmut Salzinger einmal. Dessen Text-Collage „Swinging Benjamin“ von 1973, ein Klassiker der Pop-Kritik, ist inzwischen im Engstler Verlag wieder aufgelegt. Der ehemalige Zeit-Journalist Salzinger zog seinerzeit aufs Land, gründete die Kommune Head Farm, kaufte einen Fotokopierer zum Selbstpublizieren und schrieb von da an demütige Naturlyrik.
Nach seinem Tod 1993 gab seine Frau Mo bei Engstler eine Handvoll nachgelassener Gedichte unter dem Titel „Vogelschau“ heraus. Aber mit Schwärmerei und Naturverklärung hatte Engstler eigentlich nie was am Hut. Dem Spätpunk – der als alleinerziehender Vater das No-Future in ein Ja zum Leben ummünzte – war jede verquaste Sektiererei immer suspekt. Wer Hühner hält, muss sie auch schlachten können. Eines davon, ein „Göckele“, gibt es zum Abendessen. Wer Engstler ohne Auto in seinem nunmehr literarischen Zonenrandgebiet besucht, bleibt am besten über Nacht. In der Wohnküche bullert ein Holzfeuer im Ofen. Im Gästezimmer steht ein Bilderbuchbauernbett.
Engstlers Bücher sind schön gemacht, aber nicht aufwendig. Er ist kein Bibliophiler, ihn interessiert der Inhalt. Eines der teuersten Bücher war letztes Jahr Paulus Böhmers Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“. Großes Format, bunte Zeichnungen, gutes Papier. Böhmer erhält am 2. April den Peter-Huchel-Preis dafür. Die Auflage von sagenhaften 500 Exemplaren sollte gerade so reichen. In Engstlers Kalkulation spielt der Verkauf der Hälfte der Auflage die Produktionskosten ein. Gewinn wird in das nächste Buch investiert. Drucken lässt er bei einem alten Bekannten in Ostheim, der Satz wird von „GELD“ gemacht – das steht für „general electric language districts“ was wwiederum ein Buchtitel von Jörg Burghart aus dem Jahr 1989 ist.
Kreuts- und Kwehrdeutsch
Mit dem Jahr 1989 öffneten sich auch die Schleusen für Stimmen der Avantgarde aus dem Osten. In Bert Papenfuß-Gorek und den Untergrunddichtern vom Prenzlauer Berg erkennt Engstler Gesinnungsgenossen. Unterschiedliche Sozialisationen, aber der gleiche politische Anspruch: „Wie verbessern wir das System und was hat die Literatur damit zu tun?“ Man verstand sich auf Anhieb und Papenfuß‘ „kreuts- und kwehrdeutsche“ Wortsalat-Kanonaden passen wie geschnitten in Engstlers Verlagsprogramm.
In Papenfuß‘ Berliner Schankwirtschaft Rumbalotte stellte Engstler vor Kurzem auch sein neues Buch des Antipsychiaters Deligny vor. Die Kulturspelunke war brechend voll, es wurde höllisch gequalmt, Bücher wurden nicht gekauft. Junge Dichterinnen, Ann Cotten und Monika Rinck, rezitierten Gedichtetes, Papenfuß fummelte am Diaprojektor, Helmut Höge las aus seiner Endlosrecherche vor. In seiner Reihe „Keiner Brehm“ erschien zuletzt das achte Heft zu „Bienen“. Im gegenwärtigen Natur-Hype und weil auch Höge gerade einen Literaturpreis bekommen hat, laufen die Bändchen gut. Aber „Erfolg birgt die Gefahr, dass man sich verzettelt, das große Ganze aus den Augen verliert.“ Und so rät der Verleger seinem „Erfolgsautor“, damit aufzuhören. So kann Autorenbetreuung auch aussehen.
Der Brotberuf macht Engstler unabhängig und immun. Immun gegen die Buchmarktkrise, den Kulturpessimismus, gegen das Verschleißtempo. Engstler nimmt sich die Freiheit, langsam zu bleiben. Er hat noch nicht mal ein Mobiltelefon. Er lässt pro Jahr ein paar verrückte Büchlein drucken und gibt Zeitschriften heraus wie den „Sanitäter“ mit irren Texten und Bildern für Leser, denen nicht zu helfen ist.
Peter Engstler ist ein Beispiel dafür, dass doch ein richtiges Leben im falschen möglich ist. Ein glücklicher Rebell, dem es an nichts mangelt. Der nächste Besuch könnte im Juli sein. Da veranstaltet er wieder „Provinzlesungen“. Wie jedes zweite Jahr seit 2001, seitdem er sich keinen Stand auf der Frankfurter Messe mehr leistet, wird ein Wochenende lang auf der Jungviehweide, einem erloschen Vulkan namens Kalte Buche, vorgelesen, geredet und gefeiert. Was immer da abläuft, es ist unbezahlbar.
Um einen Verlag für gedruckte Bücher zu betreiben, braucht man Optimismus, eine Mission oder den Glauben an eine Marktlücke, einen Riecher für den Trend, eine gute Portion Verbohrtheit, wenn der eigene Geschmack gerade nicht trendig ist. Etwas Geld wäre auch nicht schlecht.

Hervorgehobener Beitrag

Under construction‘

wir überlegen noch.

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